Konzertberichte : Bremen, Schlachthof, 09.04.2004

Schattendenken (von Kerstin Rehberg)
"Denken ist manchmal so, als würde man Wissen auskotzen." (Oswald Henke)

Ein graues Zimmer. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett. Jemand schläft in silber-seidigen Laken.

Ein Mann betritt den Raum, neutral in Grau gekleidet. Ein Wärter? Sorgfältig legt er einige Bögen Papier und 3 Stifte auf den Tisch, stellt ein Glas Tee dazu, betrachtet lächelnd den Schlafenden und geht so leise wie er gekommen ist.

Der Schläfer erwacht. Ausgeruht setzt er sich an den Tisch und trinkt von dem Tee, Jasmintee. Seine graue Hose und Jacke erinnern an Sträflingskleidung, schlicht, ohne Zierde, bis auf den Balkencode auf Bein und Ärmel wie zur Kennzeichnung käuflicher Ware.

Gut gelaunt sitzt er am Tisch. Der Tee beflügelt seine Phantasie, er beginnt zu schreiben.

Zwei Kinder werden gleichzeitig in eine weiße Welt geboren: ein schwarzer Schwan mit gelben Augen und ein weißes Kind mit Flügeln und tiefroten Augen. Beide verlieren ihre Mutter. Der schwarze Schwan wird von weißen Schwänen großgezogen, und obwohl die Voraussetzungen für ihn schlecht sind in dieser weißen Welt, wächst er heran, wird erwachsen und lebt ein schönes Schwanenleben. Das weiße Kind bleibt lange Kind, behütet von einem weißen Wolf und einem weißen Adler entdeckt es seine weiße Welt.

Der Schreiber hält inne. Ein Kind mit Flügeln? Wer denkt sich denn sowas aus!

Es ist ein schönes Märchen, geboren aus Träumen in diesem grauen Zimmer, das er nicht verlassen kann außer im Schlaf. Wenn er erwacht, bringt er all das zu Papier, was er auf seinen Traumreisen sah.

Dieses Kind. Ein Flügelwesen? Ein Engel? Engel sind gerade sehr schick. Oder doch nur eine Mißgeburt?

Ein kleiner Engel sitzt am See und weint. Ein Flügel ist gebrochen, und er kann nicht mehr zurück. Er weint Tage und Wochen, um ihn her wird es kalt und weiß, der See gefriert zu Eis, und seine kristallenen Tränen zersplittern auf der spiegelnden Oberfläche. Ein schwarzer Schwan sieht ihn dort so sitzen. Er hat Mitleid mit dem Engel. Er weiß, dies ist sein letzter Winter, und schenkt dem Engel einen seiner schwarzen Flügel. Nun weint der Engel nasse und dankbare Tränen, das Eis schmilzt und er fliegt hoch und immer höher in den Himmel. Der schwarze Schwan bleibt zurück und schaut ihm nach. Er weiß, ein Teil von ihm, der schwarze Flügel, wird ewig mit dem Engel fliegen, auch wenn er selbst schon lange nicht mehr lebt...

Der Wärter betritt das Zimmer mit einem weiteren Menschen. Dieser Mensch setzt sich auf einen Stuhl. Ein zweiter Wärter erscheint und rasiert seinen Kopf.
Der Sträfling erschrickt. Weshalb geschieht diesem Menschen das? Der erste Wärter klärt ihn auf. Dieser Mensch ist ein Opfer. Er leidet für die Kunst des Sträflings. So wie der Sträfling selbst gern leidet und seine Träume und Alpträume zu Geschichten macht.

Weshalb ist dann nicht er selbst das Opfer? Es geht doch um seine Kunst?
Glaubt er denn, er wäre allein? Da sind so viele, die willig leiden, doch nur er kann die Worte finden, dieses Leid auszudrücken. Sie brauchen seine Kunst, seine Träume, deshalb opfern sie sich für ihn. Sie sind sein Spiegelbild und er das ihre. Nur deshalb ist er in diesem grauen Zimmer, um ihnen ihre Träume zu schenken, ihre Leiden zu nähren.

Er soll ihre Leiden nähren? Für ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einige Tassen Jasmintee verkauft er ihnen seine Träume? Er wird nicht mehr schreiben.

Gelächter des Wärters. Das kann er nicht! Es ist seine Gabe, zu schreiben. Zu schweigen würde ihn in den Wahnsinn treiben. Er hat Träume, die er zu Papier bringen muß.

Träume. Keine Träume, keine Geschichten. Kein Schlaf, keine Träume. Der Künstler beschließt, nicht mehr zu schlafen. Der Wärter lächelt, schenkt ihm Tee ein, ist überzeugt, daß er nicht lange widerstehen wird.

Er ist wieder allein im Zimmer, schüttet den Tee fort, vernichtet sein Papier, zerstört das Bett und wartet auf die Schatten, die ihn in den Wahnsinn treiben.

Wieder erscheint der Wärter, legt Papier zurecht und schenkt Jasmintee ein. Der Künstler schüttet ihn fort. Das nächste Mal erscheint der Wärter mit einem hübschen Kännchen, dann mit einer großen Thermoskanne, mit wachsender Ungeduld und Zuvorkommenheit serviert er eine Auswahl an Tee, immer schüttet der Künstler ihn entschlossen fort.

Schließlich bleibt er unbelästigt und wartet. Wartet auf den Traum, der ihn im Wachen bezwingen will. Die Vernunft soll sich gegen ihn stemmen und siegen!
"Komm Traum! Die Wahrheit tötet dich, wenn sie dich erkennt. Wenn nicht, tötet sie mich."

Die Schatten kommen, beschreiben seine Haut - Bett, Schlaf, Opfer. Er schreibt Wahrheit auf seine Haut - und verschwindet aus dem Zimmer, zumindest aus dem Blickfeld seiner Spiegelbilder.

Oswald tritt vor das Zimmer, verteilt Jasmintee an sein starres Publikum. Denn nur lebend lohnt es !

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