Konzertberichte : Leipzig, Werk II, 28.02.2003

IM BANN EINES ATEMBERAUBENDEN DERWISCHS
Bericht der Leipziger Volkszeitung vom 03.03.2003, Redakteur Peter Matzke

Das Sterben ist ästhetisch bunt. Wer es ablehnt, solche Sätze an sich heranzulassen, ist falsch an diesem Abend. Die meisten fürchten sich vor solchen Gedanken. Wer Geist hat, rettet sich in Ironie; im Allgemeinen wird das Themenfeld durch Verdrängung (nicht) bewältigt.

Goethes Erben zerren sie erbarmungslos ans Licht, die Leichen in unser aller Keller. Und sie machen sie schön zurecht. Mit einer Ästhetik, die bewusst Ästhetizismus ist, einer Kunst, die gezielt ins Artifizielle getrieben wird: ein Artefakt.

"Der Tod ist nur eine wahre Lüge." Doch nein, nicht der Tod ist das Thema von Oswald Henke. Das wäre zu banal, das machen (fast) alle. Henkes Gegenstand ist komplexer, verletzender, tragischer: Er singt vom Sterben in allen Facetten, Dimensionen und Gansehäuten. Henke hat nie eine Bewegung auf den Geschmack der Mehrheit hin gemacht. Die Minderheit, die - trotzdem oder gerade deswegen - zu ihm gefunden hat, füllt immerhin die große Halle im Werk II.

Die Präsenz dieses Mannes ist schlicht atemberaubend. Ein ekstatischer Derwisch, die Bühne pausenlos in all ihren Breiten und Tiefenmetern durchmessend, und doch immer beherrscht. Henke ist bis ins Detail konzentriert und durchgeistigt. Von einem betörenden Charisma, das ans Dämonische grenzt: Gilbert Böcaud, Jean-Paul Sartre und Wolfgang Krause-Zwieback streiten erregt über die Musik der Moderne.

Begonnen hat er vor einem Dutzend Jahren als Gothic-Chansonnier mit virtuoser Klavierbegleitung. Inzwischen ist um ihn und Mindy Kumbalek herum eine Band gewachsen; und sie haben auch keine Scheu, ein paar Minuten lang schlichten Heavy Metal zu spielen. Nein, der Herr Geheimrat aus Weimar müsste sich dieses Erben nicht schämen. Im Gegenteil: Als Henke nach dem letzten Lied allein auf dem Podest steht, im langen weißen Gewand, das Langhaar gelöst, der Blick müde am Boden und die Arme ausgebreitet - da hat er nebenbei auch das Erbe des berühmten dünnen Hippies aus Nazareth angetreten. "Das Sterben ist ästhetisch bunt..." - "...doch perlend bleibt das Leben haften!"

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