Neurostyle 01/95

Goethes Erben - ein Interview mit Oswald Henke

Mitten in der Nacht: Ein in blaues Tuch gehüllter Rebell betritt die Bühne, während eisige Kälte den Raum durchzieht. Dem Publikum ist, als habe der Winter sein weißes Kleid ausgebreitet und jeden im Saal auf eine Reise geschickt, die weder Zukunft noch Vergangenheit kennt. Goethes Erbe sitzt am Fenster und führt die Feder zur Tinte.

Die Tour zum neuen Album, das den Namen "Goethes Erben" trägt, neigt sich dem Ende zu. Wie sieht die Zwischenbilanz aus?

Es ist die bislang erfolgreichste Tour gewesen. Wir haben einen Zuschauerschnitt von 500 Personen gehabt, womit man sehr zufrieden sein kann. Allerdings denke ich, man erfährt erst dann, wie erfolgreich eine Tour gewesen ist, wenn man ein Jahr später erneut auf Reisen geht. .. Bislang sind es von Jahr zu Jahr immer mehr Zuschauer gewesen, die zu unseren Konzerten kamen. Interessant ist dabei, daß sich die Altersstruktur des Publikums nach oben verschoben hat und auch, daß sich die Farbe der Kleidung im Zuschauerraum geändert hat. Als wir 1990/91 angefangen haben, war das Publikum fast ausnahmslos schwarz gekleidet. Mittlerweile sind es nur noch 50 % im Publikum, die schwarze Kleidung tragen.

Siehst du hierfür besondere Gründe ?

Ich denke, Goethes Erben haben sich live einen bestimmten Ruf erspielt. Wir sind auf der Bühne keine Musikgruppe im herkömmlichen Sinne. Wir machen etwas anderes, setzen den Theateraspekt in den Vordergrund. Wir hatten während der Tour z. B. bis auf ein Cello und die Gitarren nichts auf der Bühne stehen. Die gesamte Elektronik war hinter einer Leinwand versteckt, wodurch die Bühne sehr kalt wirkte. Eine Stimmung, die beabsichtigt war, und es leichter machte, den Aspekt des Theaters herauszustellen. In Bayreuth haben wir zudem einen ersten Versuch gestartet und die Halle bestuhlen lassen. Für mich ist es das schönste Konzert gewesen. Es herrschte totale Stille im Saal, was man in Chemnitz bei 850 Zuschauern nicht haben konnte. Das gesamte Publikum mußte während des Konzertes stehen. Es ist klar, daß es in einer solchen Situation unruhig werden kann. Wir werden die Idee des Bestuhlens auf jeden Fall weiter verfolgen. Das Problem ist nur, daß die Veranstalter nicht mitmachen, denn die möchten natürlich möglichst viele Leute in ihre Hallen lassen.

Kommen wir zum neuen Album. Mit der Veröffentlichung von "Der Die Das" kündigte sich vor wenigen Monaten bereits ein Wandel im musikalischen Erscheinungsbild von Goethes Erben an, der weiterentwickelt worden ist. Dabei war die Frage, ob die Erben nach Beendigung der Trilogie um "Das Sterben ist ästhetisch bunt" überhaupt weitermachen würden, alles andere als geklärt.

Das ist richtig. Ich stand im Anschluß an die Trilogie vor der Entscheidung gar nichts mehr zu machen, oder neue Wege zu gehen. Die Alben der Trilogie sind aufgrund ihrer Thematik sehr ähnlich geworden. Man kann schließlich nicht drei völlig unterschiedliche Alben veröffentlichen, wenn diese inhaltlich zusammengehören. Nach Abschluß der Trilogie war es nötig, etwas Neues zu machen. ... Was die Auflösungsmomente betrifft, so denke ich, muß man erst etwas zerstören, um etwas anderes neu aufbauen zu können. Hinzu kam das Problem, daß ich nach der Trilogie sehr frustriert war. Bereits seit Bestehen von Goethes Erben hat es Probleme mit der Presse gegeben. Ich wurde häufig sehr eigenartig zitiert oder von einer nur oberflächlichen Seite betrachtet, weshalb ich zur Veröffentlichung von "Tote Augen sehen Leben" keine Interviews mehr gegeben habe.

Ich muß gestehen, erste Auflösungsmomente bezüglich Goethes Erben haben sich auch bei mir irgendwann niedergelassen. Die Idee, Veränderungen durchzuführen, kam für meine Begriffe zum notwendigen Zeitpunkt. Wie siehst du die neue CD ?

Von der Struktur her sehe ich "Goethes Erben" wie ein Hörspiel. Es wird die Geschichte eines einzelnen Schicksals erzählt, das irgendwo in der Dimension Zeit angesiedelt werden kann. Ich wollte mich zeitlich nicht festlegen, da ich denke, das Thema Flucht und Verfolgung, welches auf "Goethes Erben" dargestellt wird, betrifft die ganze Menschheitsgeschichte.

Du hast erwähnt, daß es um die Darstellung eines individuellen Schicksals geht.

Ja, es geht um ein Individuum, das ich innerhalb des Handlungsspektrums von "Blau" und "Rebell" als Pascal ansehe. Die Geschichte beginnt mit den Gedanken einer Mutter, die sich ihres toten Sohnes erinnert, ich habe dabei bewußt offengelassen, zu welchem Zeitpunkt der Sohn gestorben ist. Dies ist die Annahme, die ich in "Blau" voraussetze. Der Sohn selbst, Pascal, ist in Gefangenschaft geraten. Es gelingt ihm zu fliehen. Während dieser Flucht aber kehren die Lagerszenen und das dort erlebte in seine Gedanken zurück. Der zweite Teil, "Rebell", ist eine Reflektion des Ganzen. Hinter "Rebell" sehe ich die Grundaussage, daß man das Leben in die eigenen Hände legen soll. Für mich ist das ein ethisch-moralischer Grundsatz. ... Wir leben in einer ganz ganz schwierigen Zeit, die gerade für junge Menschen erdrückend ist. Das Leben wird zunehmend extremer, da selbst die Sachen, die Spaß machen, von einer gefährlichen Bedrohung umgeben sind. Sei es nur die Gefahr, sich beim Sex einen Virus einzuhandeln, oder ganz banal ausgedrückt, das Risiko, sich aufgrund des Verzehrs von Fleisch einen Virus einzufangen, der einen in den Wahnsinn treibt. Alles was Spaß macht, den Lustfaktor des Menschen befriedigt, wird zur tödlichen Bedrohung.

Fühlst du dich als Künstler in dieser Hinsicht in der Verantwortung, die Menschen dazu zu bewegen, etwas zu verändern ?

Ich habe stets versucht, dieses Thema von Goethes Erben fern zu halten. Man wird mich nie so erleben, daß ich mit dem erhobenen Zeigefinger auf der Bühne stehe. Ich versuche viel eher, Gefühle und Stimmungen zu erzeugen. Was davon jeder für sich selbst als wertvoll erachtet, daß möchte ich jedem selbst überlassen.

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