No Quarter 03/95

Goethes Erben

Für manche ist der Karfreitag ein ganz normaler Tag, für andere ist er wiederum ein Feiertag. Für uns war der diesjährige Karfreitag noch etwas anderes: Ein besonderer Feiertag. Anlaß dafür gaben Goethes Erben, die nach mehr als einem Jahr der Abstinenz auf ihrer diesjährigen Deutschlandtour abermals den Weg nach Bremen gefunden hatten - geradedurch in die Kesselhalle des Schlachthofes. Das verabredete Interview nach dem Auftritt Oswald Henkes und Begleitung schien zunächst zwar (bedingt durch Informationsfehler der Plattenfirma - laut Manager) schwerer realisierbar zu sein, als wir es uns vorgestellt hatten. Nach dem wieder einmal fantastischen Konzert (jeder der auch nur etwas mit musikalischem Theater anfangen kann sollte sich die Erben "antun" - echt Kult!!) klärte sich jedoch die Lage, und eine Dreiviertelstunde später standen uns (und einigen anderen Schreiberlingen) Oswald, Mindy und Troy nebst Gastmusiker im Backstageraum des Schlachthofes Rede und Antwort zu ihrer aktuellen CD-Veröffentlichung sowie zu Goethes Erben allgemein.

Nach der letzten Tour sah es so aus, als wenn es Goethes Erben nicht mehr geben würde.

Troy: Also gewissermaßen war das schon ehrlich gemeint. Wir wollten danach einfach etwas neues machen und waren halt nicht sicher, ob uns das gelingen würde, ob es uns selber auch gefällt. Na ja, mit "Blau" ist es uns gelungen.

O.H.: Mindy und ich waren damals in einem Stadium wo wir sagten, daß wir zwar weiter Musik, aber keine CD's mehr machen wollten. Wir hatten einfach keine Lust mehr uns irgenwelchen Schmetterlingen (=Radiostationen/Presse (natürlich nicht alle)) auszuliefern. Nun, dann haben wir uns entschieden, uns von diesen Schmetterlingen zu lösen, in dem wir in einem Stück Jagd auf sie gemacht haben (Der Wandel). Tja und das hat uns so beflügelt, daß wir Goethes Erben zu einer neuen musikalischen und textlichen Dimension verholfen haben.

Wie läuft das bei euch eigentlich mit der Vorbereitung zu einer neuen CD ? Ich kann mir vorstellen, daß das bei euch um einiges anders läuft als bei anderen Bands, weil ihr ja das Sprachliche extrem in den Vordergrund stellt.

O.H.: Natürlich waren zuerst die Texte da, danach ist dann die Musik um die Texte aufgebaut worden. Wir haben zunächst eine musikalische Stoffsammlung gemacht und dann zusammen die Sachen arrangiert. Im Studio wurden sie dann nochmal von Vladimir Ivanoff z.B. klanglich verändert. Das Ganze haben wir dann über einen Monat hinweg in München aufgenommen, nachdem wir etwa ein Jahr Vorproduktionszeit hatten. Nach den Aufnahmen haben wir dann das Ganze einige Zeit ruhen lassen und dann alles Anfang dieses Jahres in Aachen abgemischt und anschließend nochmal in einem Hörstudio in München gemastert.

Die Texte der neuen CD sind auf Mikrofilm gebannt. Warum gibt's das entsprechende Lesegerät beim Kauf nicht gleich dazu (kann ja nicht jeder so'n Ding im Regal haben)?

O.H.: Na ja, wir wollten ja eigentlich in jedem Laden eines aufstellen lassen, aber da unser Label aufgrund der Idee schon fast Pleite gegangen ist, hat es da nicht mitgemacht. (grinst)

Troy: Man muß dazu sagen, daß die Sache kein Gag ist, das war schon so geplant. Auf der Hülle sollte eigentlich so wenig wie möglich drauf sein, um einfach die Kälte zu symbolisieren, und die Texte mußten einfach irgendwo beiliegen, da sie doch wesentlicher Bestandteil von Goethes Erben sind.

O.H.: Lesegeräte gibt es im übrigen in jeder Uni-Bibliothek oder Kfz-Werkstatt. (Hä?)

Gerade durch eure Texte und euer Auftreten auf der Bühne werdet ihr oft mißverstanden und als vollkommen verrückt hingestellt. Wie steht ihr persönlich zu so etwas?

O.H.: Es ist wirklich faszinierend, daß manche Leute einfach nicht unterscheiden können, was man wirklich macht. Wenn man auf einer Bühne steht, lebt man sicherlich auch einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Ich jedoch sehe mich in erster Linie als Schauspieler und dazu gehört einfach, daß ich, wenn ich etwas darstelle, gewissermaßen übertreibe - jeder Schauspieler tut das. Wenn man auf der Bühne steht, schlüpft man in eine Rolle. Also ich bin ganz sicher nicht der Typ Mensch, den ich manchmal auf der Bühne verkörpere. Künstlerische Arbeit ist in meinen Augen nunmal nicht Realität, sondern man verarbeitet die Realität auf künstlerische Weise. Bei Goethes Erben geht es in erster Linie einfach um Gefühle, die transportiert werden sollen.

Was sollte "Absurd" ??? (großes Gelächter) (Eine Noiseattacke die wohl so manchem älteren CD-Player den Tod beschert hat)

O.H.: "Absurd" ist die Fortführung von "Der Wandel", weitergedacht bis ins Absurde. Hat viel Spaß gemacht, das Stück, im Studio wie auch live. (kann man sich denken)

Troy, du bist jetzt festes Mitglied bei Goethes Erben. Bedeutet das, daß deine Arbeit bei Catastrophe Ballet nun beendet ist ?

Troy: Nein, da wird ebenso weitergemacht. Ich bin seit den letzten zwei Jahren bei Goethes Erben und sie sind mich einfach nicht mehr losgeworden ... (lacht). Also im Grunde genommen kam es dadurch, daß ich auf der neuen CD erstmals Stücke selbst geschrieben habe, von daher hat das Ganze jetzt eine festere Struktur. Es ist zwar mehr Arbeit als zuvor, aber ich hoffe, daß beide Sachen weiterhin klappen.

Wie würdet ihr persönlich eure Musik definieren, laßt ihr Euch in eine Schublade stecken oder würdet ihr sagen, daß eure Musik ein Zusammenspiel verschiedener Stile ist ?

O.H.: Wir machen alles. Wir machen einfach Musiktheater. Ich kann mit diesem Schubladendenken sowieso nichts anfangen. In einer Disco spiele ich auch nicht nur ein und diesselbe Musikrichtung, sondern ich spiele das, was zusammen paßt und wozu die Leute tanzen. Aus welcher Ecke das Stück stammt, ist im Endeffekt doch egal.

Ihr wurdet in einem anderen Interview und auch im Bandinfo eurer Plattenfirma mit Caspar Brötzmann und den Melvins verglichen. Kommentar ?

O.H.: Was, unsere Plattenfirma hat das mit ins Bandinfo genommen ?

Troy: Also, es ehrt mich schon, mit Caspar Brötzmann verglichen zu werden, ich bewundere den Mann. Mag sein das es etwas weit hergeholt ist, Melvins finde ich auch gut, aber ...
Vielleicht sollte der Vergleich symbolisieren, daß bei Goethes Erben jetzt auch vermehrt Gitarren zu hören sind. Aber für mich hat unsere Musik nichts mit den Melvins zu tun.

O.H.: Ich habe das Info der Plattenfirma vorher nicht gesehen, das hör' ich jetzt zum ersten Mal und bin darüber wirklich sauer. Es kommt immer wieder vor, daß ein Label über irgendwelche Dinge entscheidet und die Band vorher nicht fragt, daß ist ein Vertragsbruch, die kriegen jetzt von mir Ärger - wegen euch (oh, nein. Ich bin ungeduldig. äh, unschuldig). Sicherlich war das auch nicht böse gemeint, ein Label versucht halt immer, etwas zu vermarkten.

Troy: Man muß nun auch sagen, daß es eben sehr schwer ist, Goethes Erben irgenwo einzuordnen. Meist versucht man das dann mit irgendwelchen Vergleichen - meist verunglückt das aber total. (wie hier)

Würdet ihr sagen, daß sich die schwarze Szene - die ja an und für sich abgekapselt ist - im Moment immer mehr anderen Szenen gegenüber öffnet ?

Troy: Schon. Ich finde es an und für sich gut, daß sich dieser sogenannte Independent im Sinne von Darkwave oder, abfällig gesagt, diese "Gruftmusik" einfach öffnet, so das es übergeht in Form von z.B. Elektro, Techno oder Metal. Das bedeutet immer eine Weiterentwicklung und nur so besteht die Chance für diese Musik, zu überleben, ansonsten kann man eigentlich sagen, daß Darkwave als solches einfach tot ist. Wenn man versuchen würde, diesen Stil originalgetreu durch die Jahrhundertwende zu bringen, dann könnte man höchstens einen Oldieabend damit veranstalten, und dafür denke ich, ist diese Musik einfach zu schade. Sicher, vielen Leuten paßt diese Weiterentwicklung nicht, aber ich sehe sie als unbedingt notwendig an.

O.H.: Man merkt es auch bei unseren Konzerten. Es kommen mittlerweile die verschiedensten Leute - von jung bis alt.

Troy: Ich sehe es als sehr positiv an, wenn ich merke: Aha, das, was ich mache, sagt diesen Leuten auch etwas.

Wie kam es eigentlich dazu, daß ihr auf dieser Tour so viele Termine im Osten Deutschlands hattet, im Westen dagegen eher wenige ?

O.H.: Es hat sich im Westen kaum jemand gefunden, der uns haben wollte.

Troy: Hat uns auch etwas gewundert. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß die ostdeutschen Veranstalter eher darauf bedacht sind, gute Konzerte zu veranstalten, während die westlichen eher sagen: Warum soll ich die engagieren, da mach ich lieber eine Disco an dem Abend, hol mir einen günstigeren DJ in's Haus und hab den Laden trotzdem voll. Ansonsten: Keine Ahnung, warum das so gelaufen ist.

Wie steht es mit dem Rechtsdruck im Osten. Denkt ihr, es ist gefährlich, dort aufzutreten ?

Troy: Also wir haben schon schlechte Erfahrungen gemacht, aber die Leute horchen seit Rostock und Mölln etwas mehr auf und auch die Veranstalter sind solchen Gruppen gegenüber mittlerweile besser gewachsen, geben sich mit der Sicherheit einfach mehr Mühe, da viele Bands gesagt haben: Wir spielen nicht mehr bei euch, wenn ihr die Sicherheit bei unseren Konzerten nicht gewährleisten könnt.

Wie geht es weiter mit Goethes Erben ?

O.H.: Keine Ahnung, wir lassen uns einfach überraschen. Jetzt haben wir erst einmal das neue Album vorgelegt, was danach kommt, wird sich zeigen. Vielleicht machen wir demnächst eine Hörspiel-Kassette oder so. (kleiner Scherz am Rande ?)

Aber ihr seht Goethes Erben doch schon als eure Zukunft ?

O.H.: Das muß jeder von uns selbst wissen, wo er seine Zukunft sieht. Wenn das innerhalb von Goethes Erben klappt, ist das in Ordnung, wenn jemand außer den Erben noch ein Projekt braucht, um sich zu verwirklichen, dann ist das sicherlich auch okay. Mindy macht z.B. nebenbei Still Silent und ich bin immr noch bei Artwork. Wir wissen einfach noch nicht, wie die Zukunft aussieht. Womit man sicherlich rechnen muß, ist, daß sich bei der nächsten Veröffentlichung von Goethes Erben musikalisch wieder einiges verändert, denn wir machen sicher kein "Blau II".

Tja man darf gespannt sein, wie sich uns Goethes Erben in Zukunft präsentieren werden. Alles kann, nichts muß. Dieses Interview hat auf jeden Fall den Eindruck einer sympatischen Band hinterlassen, die noch viel vor hat und bis zur letztigen Veröffentlichung immer besser geworden ist. Da kann man wohl einiges erwarten ...

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