Gothic No.25

Schach ist nicht das Leben

Eine Welt in Schwarz und Weiß. Farblose neutrale Figuren stehen fest auf den klar umrissenen Feldern des Schachbretts, verharren statisch in der Gefühlslosigkeit des Schwarz-Weißen. Doch Goethes Erben verlassen mit ihrer derzeitigen Tour "Schach ist nicht das Leben" die kalte Welt des Schachbrettes und eröffnen Welten voller Gefühle, in denen sich menschliche Freude widerspiegelt, in denen sich jedoch auch menschliche Abgründe auftun. "Schach ist nicht das Leben" ist praktisch ein Märchen. Wir beginnen in einer Welt, die gänzlich ohne Gefühle ist und dementsprechend sehr langweilig. Man sieht auf und zieht aus in die Welt um das wiederzuentdecken, was schon in unserem Körper, unserer Seele vorhanden war, nämlich "Gefühle", erklärt Oswald Henke, was in dem Musiktheaterstück vorgestellt werden soll.

Den Gefühlen, die der in die Welt ziehende Suchende erlebt, sollen in "Schach ist nicht das Leben" in Form von Farben Ausdruck verliehen werden. "Gefühle kann man am Besten optisch darstellen, indem man auch Farben verwendet", beschreibt ein konzentriert sprechender Oswald Henke. "Jedem Gefühl in "Schach ist nicht das Leben" ist eine bestimmte Farbe zugeordnet. Man kann so nicht alle Gefühle darstellen, aber einen Grundriß durch die positiven wie negativen Gefühlswelten. Am Schluß kommen alle Gefühle wieder zusammen in den Farben des Regenbogens, der dann wieder in diese Welt Schwarz-Weiß zurückkehrt", charakterisiert Oswald Henke das Konzept der neuen Bühnenperformance von Goethes Erben weiter.

Ein in sich geschlossenes Musiktheaterstück präsentieren Goethes Erben mit "Schach ist nicht das Leben" ihrem Publikum, das sich hier -bis auf eine Ausnahme- mit komplett neuen Stücken auseinandersetzen kann. Die Tradition des Schauspiels, die sich in dieser Konzeption von Goethes Erben zeigt, stellt einen bedeutenden Aspekt im Schaffen der Bayreuther Gruppe dar. "Ich sehe Goethes Erben als Musiktheatergruppe, bei der ein ...(hier fehlt was im Artikel) im Hintergrund steht", betont Oswald Henke, der nach seinem Theaterspiel in der Zeit vor Goethes Erben das Experimentieren, das Schaffen von etwas anderem reizte.

Wie im "klassischen Theater" ist auch für Goethes Erben die Verbindung zwischen Akteuren und Publikum besonders wichtig. "Die Menschen sollen sich vielleicht an manchen Stellen wiedererkennen - ihre eigenen Gedanken oder auch Gefühle" beschreibt Oswald Henke die intensierte Wirkung, des auf der Bühne Dargestellten und ergänzt "Während der Zugaben bauen Goethes Erben auf einem Dialog zum Publikum auf. Hier geht man auf die Menschen ein."

Obgleich sich Goethes Erben im Sinne ihres Theaterkonzeptes ihrem Publikum am liebsten in Optik und Musik zusammen ständig präsentieren würden, verzichtet das Projekt mit seiner nächsten geplanten Veröffentlichung auf diese Anbindung des Sehens und Hörens: Wenn im Frühjahr 1997 die CD zur "Schach ist nicht das Leben"-Tour unter gleichem Titel erscheinen wird, kann diese CD zwar - so Oswald Henke - "bleibendes Erlebnis" sein. Die Komplexität, des Erleben der Bühnendarstellung wird sie jedoch nicht erreichen.

Wird in "Schach ist nicht das Leben" eine musikalische und darstellerische Entwicklung, aber auch ein Weiterkommen im menschlichen Erfahren dokumentiert, zeigt sich hier auch eine personelle Veränderung: Wolfram Troy, der bisher Catastrophe Ballet angehörte, ist nun festes Mitglied von Goethes Erben, die zuvor nur aus Mindy Kumbalek und Oswald Henke bestanden hatten. Doch trotz der Ergänzung der Instrumentierung von Goethes Erben um eine Gitarre, sehen Goethes Erben ihre, die Texte tragende, Musik nicht sehr beeinflußt. "Wolfram Troy beeinflußt uns eigentlich weniger. Ich denke eher, wir haben ihn beeinflußt", bemerkt Oswald Henke. Dennoch scheint die Mitarbeit Wolfram Troys für Oswald Henke von großer Bedeutung zu sein. "Wenn man Stücke zusammen erarbeitet, ist es immer esser, wenn drei kreative Köpfe ihre Ideen dazu beitragen, als nur zwei. Eine dritte Peron ist sehr wichtig", erklärt der mittlerweile 28-Jährige.

Mit der Mitarbeit Wolfram Troys wird bei Goethes Erben sicher einer Entwicklung Vorschub geleistet, die Oswald Henke prägnant in den Worten "Wir haben als musikalische Dilettanten angefangen. Mittlerweile haben wir einfach Grundwissen musikalischer Art dazugewonnen" ausgedrückt. Dieser Entwicklungsprozeß wird nun in den Werken von Goethes Erben deutlich.

"Die Musik ist etwas aufgerückt in der Wertigkeit", gesteht Oswald Henke ein, schränkt jedoch ein "Für mich liegt die Wertigkeit noch immer mehr auf Text, auf Inhalt. Man kann sich das so vorstellen: der Text ist die Handlung und die Musik und die gesamte Opti stellen das Bühnenbild dar".

Die nahen Zukunft von Goethes Erben ist geplant - neben der CD "Schach ist nicht das Leben" möchte Oswald Henke als "Ergänzung zu dem Werk, das Goethes Erben sonst machen" - so Oswald Henke - das Publikum mit dem geschriebenen Wort erreichen. Ende dieses Jahres sollen sämtlliche Texte von Goethes Erben - einschließlich derer von "Schach ist nicht das Leben" - zusammen mit einer Vielzahl von Fotos der letzten Touren als Buch erscheinen.

Die weitere musikalische Zukunft läßt Oswald Henke allerdings offen und hüllt Goethes Erben so in einen Mantel der Ungewißheit. "Vielleicht habe ich ja nächstes Jahr keine Lust mehr, nach "Schach ist nicht das Leben" überhaupt noch Musik zu machen. Vielleicht mache ich nur noch Theater oder ziehe mich ganz zurück aus dem Offiziellen und sitze nur noch hinter Reglern und produziere", hält sich Oswald Henke alle Wege offen - Wege, auf denen sich unendliche Erlebniswelten auftun können, Wege auf denen sichunendliche Erlebniswelten auftun können, Wege, die sich in ihrer Vielschichtigkeit doch hoffentlich nicht völlig von Goethes Erben entfernen werden, sondern dieses einmalige Theaterprojekt nähren werden.

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