Neurostyle 02/97

Schach ist nicht das Leben

Es war der Abend am Tag danach: Ttog und Natas sassen sich am Tisch gegenüber, dem festen Vorhaben ausgesetzt, die Ziele des jeweils anderen zu ergründen, bevor man sich seiner eigenen Vorstellungen überhaupt bewusst werden konnte. Taktieren und nie verlieren, den Gegner ausmerzen, ihn liegen lassen in den eigenen Schmerzen... Erst später, als beide auf ein Remis sich einigten, stahl sich die Erkenntnis ein: SCHACH IST NICHT DAS LEBEN.

Was haben wir nicht alles getan, um uns von den Wurzeln dessen zu entfernen, was im Ursprung uns einst vereinte. Das Miteinander wurde zum Gegeneinander, Leidenschaft zu Lüge und Liebe zu Misstraün. Wir sitzen uns gegenüber wie Menschen beim Schach, versuchen heraußufinden, welchen Zug der andere plant, während die Konzentration auf die eigenen Stärken längst der Verunsicherung gewichen ist. Also laufen wir davon, gewinnen vielleicht das Spiel, verlieren darüber jedoch uns selbst und auch den Sinn des Lebens. Oswald Henke stellt nicht nur diesbezüglich Fragen. Gemeinsam mit Mindy Kumbalek entwirft er Ideengebilde für die Welt danach und ist bemüht, dem Leben davor alles zu vermitteln, was ihn emotional wie rational bewegt. Seine Zuhörer werden eingeladen, ihn ein Stück des Weges zu begleiten, die Daür der Strecke schreibt er niemandem vor. Mit "Schach ist nicht das Leben" hat er sein erstes Märchen verfasst, ein Werk, das man den Fans bereits während der letzten Göthes Erben Tournee vorstellte und welches jetzt erstmals auf CD veröffentlicht worden ist. Der Uraufführung folgt das Album - ein ungewöhnlicher Weg, mittlerweile aber hat die Idee des Musiktheaters, die Oswald Henke seit Gründung der Erben verfolgt, auch dem Aussenstehenden seinen Stempel vermittelt. Was man einst noch als Musikgruppe mit dem Hintergrund einer Theateraufführung hatte verstehen können, ist dem gewichen, was Göthes Erben letzendlich nicht nur außeichnet, sondern innerhalb ihres Schaffens auch für sich alleine stehen lässt. [...]

Nun, nicht alles soll verraten werden, schliesslich trafen sich Ttog und Natas tagsdrauf in dem kleinen Cafe an der Ecke, um ihrer Partie vom Vortag eine weitere folgen zu lassen. Und nachdem Ttog mit dem ersten Zug einen seiner Baürn vorgesetzt hatte, überlegte Natas angestrengt, was Ttog damit zu beabsichtigen gedachte. Stunden vergingen, ehe sämtliche Möglichkeiten durchdacht waren, mit denen Ttog seinem Gegenzug wiederum würde antworten können. Bevor es jedoch dazu kam, erinnerte Jean der Kellner die beiden an die Uhrzeit. Spät war es geworden, die Partie wurde vertagt.

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