Zillo 03/97

Schach ist nicht das Leben - Interview mit Oswald Henke

Mit "Schach ist nicht das Leben" präsentiert die Bayreuther Musiktheaterformation Goethes Erben ihr neues Album. Das Werk, das im letzten Jahr bereits auf einer speziellenTour aufgeführt wurde und dessen umgearbeitete Fassung nun mit FM Einheit (ex-Einstürzende-Neubauten) als Produzent eingespielt worden ist, stellt textlich und musikalisch einen Wendepunkt im Schaffen der Gruppe dar. Noch nie waren Oswald Henke (Worte), Mindy Kumbalek (Keyboards) und Troy (Gitarren) so vielschichtig und komplex wie auf diesem Album. Oswald Henke steht Rede und Antwort, zum Werk und zum Wandel.

Zillo: Das erste Mal in eurer Karriere seit 1992 habt ihr ein Jahr lang gar nichts veröffentlicht. 1996 war nichts erschienen, wohingegen in früheren Jahren meist sogar zwei Werke veröffentlicht worden sind. Was war der Grund dafür? Brauchtet ihr eine Pause zum Kraftschöpfen oder Nachdenken?

Oswald Henke: Wir brauchten die Zeit, um das neue Album vorzubereiten. Wir sind mit vollkommen neuer Arbeitsweise an "Schach ist nicht das Leben" herangegangen. Wir haben Text und Musik vollständig geschrieben und dann live mit diversen Musikern aufgeführt. Danach haben wir es nochmal umgearbeitet, und erst dann sind wir ins Studio gegangen. Und wir werden es jetzt nochmal neu aufführen. Außerdem haben Mindy und ich noch Soloprojekte gemacht, um unseren Horizont in andere Richtungen zu erweitern.

Zillo: Warum dieser umgekehrte Weg? Normalerweise erscheint doch erst ein Album und wird dann auf den Bühnen vorgestellt.

Oswald: Ich finde diese Reihenfolge logisch, weil wir uns eher als Musiktheater verstehen. Und ein Theaterstück steht normalerweise zuerst, wenn es auf eine Bühne gebracht wird, dem Publikum zur Verfügung und nicht als Tonträger. Mit "Schach ist nicht das Leben" wollten wir ganz bewußt den Schritt wagen und ein Musiktheaterstück auf die Bühne bringen, das vorher noch niemand gekannt hat.

Die zwiespältigen Reaktionen des Publikums auf unser letztes, blaues Album haben ebenfalls eine Rolle bei unserer Entscheidung gespielt. Wir haben uns gesagt, daß wenn "Schach ist nicht das Leben" schon live nicht beim Publikum ankommen sollte, wir kaum das Geld ausgeben werden, um es im Studio aufzunehmen.

Zillo: Hat sich im Vergleich zu dem bereits aufgeführten Stück auf dem Album etwas verändert? Wenn ja, was?

Oswald: Die Reihenfolge ist gleich geblieben, außer daß wir live das ältere Stück "Schatten" vorangesetzt haben, um eine ganz bestimmte Emotion beim Publikum herzustellen, bevor dann das Ganze mit einem Monolog losgeht. Wir haben die Stücke größtenteils live aufgenommen, mit insgesamt sieben Musikern, die mit Ausnahme des Bassisten und Schlagzeugers, die ich ausgetauscht habe, auch die Live-Performance gemacht haben. Danach wurde natürlich noch einiges an den Stücken gefeilt. Wir haben zum Beispiel die Streicher und Stimmen gedoppelt. Ich habe sehr viele Experimente mit der Stimme gemacht und zum Teil zehn bis fünfzehn Stimmen-Spuren bei einzelnen Stücken aufgenommen, um mit der Stimme als Rhythmusinstrument zu arbeiten, wie z.B. bei "Erkaufte Träume" oder "Seelenmord". Insgesamt haben wir eine Woche aufgenommen und eine Woche die Feinarbeit geleistet.

Zillo: Wie kamt ihr zu FM Einheit als Produzenten?

Oswald: Das war Mindys und mein Wunschproduzent. Wir haben zwei Alben mit Vladimir Ivanoff gemacht und wissen von daher um die Fruchtbarkeit solcher Zusammenarbeit. Ein Produzent arbeitet wie ein Regisseur; er greift nicht großartig in die Strukturen ein, aber er sieht Sachen anders als wir, die wir ja gleichzeitig Autoren und Akteure sind.

Zillo: Kannst du uns die Zusammenarbeit zwischen ihm und euch etwas näher beschreiben; er ist ja als Produzent für ein Musiktheater geradezu geschaffen ...

Oswald: Das war einer der Hauptgründe warum wir ihn haben wollten. Außerdem schätzen wir seine Arbeiten und auch seine Zeiten bei den "Neubauten". Für uns kam eigentlich kein anderer für "Schach ist nicht das Leben" in Frage. Wir haben versucht, über unser Label einen Kontakt zu ihm herzustellen, und er war interessiert. Ihm hat das gefallen, was wir machen. Zum Glück machen wir deutschsprachige Musik; sonst hätte er uns nicht produziert. Hätten wir Englisch gesungen oder eine andere Sprache, wäre es uninteressant für ihn gewesen. Zum Anderen war er sehr an der Eigenständigkeit, die hinter dem Konzept von Goethes Erben steht, interessiert.
Und die Zusammenarbeit mit ihm war einfach sehr interessant; weil (überlegt) ...dem Mann braucht man nichts zu erzählen, man schaut ihm einmal ins Gesicht und weiß, der Mann hat alles schon erlebt, was es auf der Erde zu erleben gibt.

Zillo: Fällt dir irgendeine Situation oder Formulierung ein, die diese Zusammenarbeit zwischen euch besonders gut charakterisiert?

Oswald: Sagen wir mal so: Der Produzent setzt da ein, wo man selber nicht die richtige Idee hat, um etwas bestimmtes zu realisieren. Man hat zwar irgend etwas im Kopf, aber man findet nicht die richtigen Stilmittel, um es adäquat auszudrücken. An der Stelle setzt der Produzent ein, wenn er wirklich gut ist, und das war auch der Vladimir damals.

Zillo: Wenn du die beiden als Produzenten miteinander vergleichst, was würdest du dann sagen?

Oswald: FM hat wesentlich mehr auf die Rhythmik geachtet. (überlegt) Sie sind grundverschieden, aber es war bemerkenswert, daß beide genau die gleichen Stärken und ebenso die Schwächen bei Goethes Erben gesehen haben.

Zillo: Als da wären?

Oswald: (lacht) Das werd´ ich jetzt hier verraten, was? FM Einheit hat immer gesagt, man soll die Worte als Worte wirken lassen und nicht unnötigen Pathos verwenden. Genau das gleiche gilt auch für die Musik und das hat damals auch schon der Vladimir gesagt.

Wir haben da unsere Schwierigkeiten gehabt, denn man muß zwischen Liveperformance und Studio umschalten können. Live muß man wesentlich mehr übertreiben, damit auch derjenige, der fünfzig Meter von der Bühne entfernt ist, noch mitbekommt, um was es geht. Im Studio muß man das wieder zurücknehmen.

Zillo: Eure Alben werden ja immer von einem zentralen Thema getragen. Um was geht es diesmal? Und kannst du uns dieses Thema anhand einiger Schlüsselszenen näherbringen?

Oswald: Das Album setzt da an, wo wir mit "Blau" aufgehört haben. "Blau" war am Schluß eine Welt ohne jegliches Gefühl, man könnte sagen eine schwarzweiße Wüste. Mit "Schach ist nicht das Leben" setzen wir in einer Welt ohne Farben an, weswegen das erste Stück auch sinnigerweise "Keine Farben" heißt.
Der Akteur, der in dieser Welt lebt, begibt sich, weil er einfach gelangweilt wird, auf die Suche nach Farben und entdeckt auf dieser Suche die Gefühle, alle Gefühle, die verlorengegangen sind. Bei "Gleiten" zum Beispiel Vertrauen, bei "Nur ein Freund" Freundschaft, bei "Ein Moment der Ruhe" Lust, bei "Nacht der tausend Worte" Liebe, bei "Lilien" Enttäuschung, bei "Seelenmord" Haß, bei "Erkaufte Träume" Desillusion, "Begrüßende Worte" Gier, "Rot Blau Violett Grün Gelb" Schmerz. Am Schluß hat er die ganzen Farben des Regenbogens zusammen und bringt sie zurück in seine schwarzweiße Welt, die sich von nun an wieder der Farben erfreuen kann. Das Ganze ist also ein Märchen.

Zillo: Wobei du natürlich durchaus immer wieder Parallelen zur Gegenwart ziehst, wie ich mal vermute. Ich denke da zum Beispiel an deine Beschreibung des Schachspiels in "Keine Farben":
Könige, die Bauern ins Feld schicken, die einander bekämpfen, aber selber nie getötet werden, sondern höchstens langsam flüchten, weiße Massen, die sich "rassistisch", wie du sagst, auf schwarze Türme stürzen - das hat doch deutliche Bezüge zu gegenwärtigen Ereignissen.

Oswald: Sicher, gerade auch das Stück "Lilien" ist sehr inspiriert von diesen Geschehnissen; die Herrschenden sind immer nur auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht. Aber ich denke, Goethes Erben, Texte und Musik, das ist etwas, das schon immer sehr vom täglichen Leben beeinflußt war und ist. "Schach ist nicht das Leben" ist zugleich auch das erste Album, wo es mal mehr um positive Seiten des Lebens geht. Alles, was war, ob nun Positives oder Negatives, bringt einen doch im Leben weiter und gehört zu dem Charakter, den man entwickelt. Man durchlebt im Laufe seines Lebens eine bestimmte Entwicklung, die sehr wechselhaft sein kann. Aber man sollte doch immer an einem roten Faden entlanggehen. Das heißt, man sollte zu seiner Vergangenheit stehen; auch wenn man ihr heute kritisch gegenübersteht, hat sie einen doch genau dahin gebracht, wo man heute steht.

Zillo: Das letzte, also das "Blaue" Album "Goethes Erben" klang sehr derb, sehr wütend, wohingegen "Schach ist nicht das Leben" doch wesentlich wärmer und weniger wütend daherkommt, wie wir ja auch schon festgestellt haben, und eure Songs gehen jetzt noch viel mehr in Richtung Klassik und Neonfolk. Ist eure Phase wütenden Protests endgültig vorbei, oder ist es lediglich eine Frage der Inhalte, wie ihr euch jeweils musikalisch oder auf der Bühne gebt?

Oswald: "Blau" war ganz bewußt so kalt und wütend angelegt. Da sollten sehr viele E-Gitarren und kalte und synthetische Klänge vorherrschen. Das spiegelte halt unsere damaligen Emotionen wider. Und "Schach ist nicht das Leben" präsentiert nun einen neuen Lebensabschnitt für uns. Es wäre schlimm, wenn wir jetzt nochmal so ein Album wie das "Blaue" oder die Trilogie wiederholt hätten.

Wir versuchen ja stets, etwas Neues zu inszenieren. Wir zitieren zwar ganz gerne von uns - zum Beispiel in dem Stück "Nur ein Freund" -, aber das tun wir, um zu zeigen, daß wir zu unserer Vergangenheit, zu unserem Gesamtwerk stehen. Einige Leute von der Presse stehen uns seit dem "Blauen" Album etwas positiver gegenüber, verlangen aber unterschwellig, daß wir uns von unseren alten Alben distanzieren. Das können wir nicht! Die Trilogie ist zum Beispiel ganz, ganz wichtig gewesen für uns! Und zu der stehen wir auch weiterhin! Das heißt aber nicht, daß wir nicht auch mal wieder ein sehr wütendes oder kaltes Album machen können. Es hängt von der Thematik ab.

Zillo: Jeder Mensch, jede Band entwickelt sich weiter. Aber von dem "Blauen" Album zu "Schach" scheint mir doch ein Qualitätssprung gemacht, den man damit allein nicht erklären kann. Texte und Musik scheinen mir vielfältiger, stimmiger und komplexer zu sein als alles, was ihr vorher gemacht habt. Woran könnte das liegen?

Oswald: Ich denke, das hat damit zu tun, daß wir nicht mehr so sehr mit Scheuklappen durchs Leben gehen. Früher hatten wir uns auf eine bestimmte Stimmung der Musik und einen bestimmten Themenkreis der Texte festgelegt. Das ist jetzt vielschichtiger geworden, wir lassen einfach mehr zu. Ich hätte mir vor Jahren nicht träumen lassen, daß wir extrem harte Gitarren wie bei "Seelenmord" einsetzen oder mit "Erkaufte Träume" fast schon ein Electrostück abliefern. Man wird mutiger, experimentierfreudiger, je mehr Erfahrungen man hat.

Zillo: Hat sich vielleicht auch die Tatsache, daß ihr die Stücke vorher schon live aufgeführt habt, auf die Arrangements ausgewirkt?

Oswald: Ja. Das hat dem Album sehr, sehr gut getan. Wir konnten sehen, was nicht so gut funktioniert, und dies dann verbessern. Wenn es ein neues Album geben sollte, werden wir das genauso wieder machen. Das ist zwar sehr aufwendig, bringt aber sehr viel.

Zillo: Im März wollt ihr "Schach ist nicht das Leben" erneut auf der Bühne präsentieren? Wie wird sich diese Aufführung von der aus dem letzten Jahr unterscheiden?

Oswald: (lacht) Sehr. Wir werden mit einer dreiköpfigen Ballett-Gruppe zusammenarbeiten, die auch Rollen übernimmt, ich werde also das erste Mal nicht alleine als Mittler zum Publikum agieren. Der Rest ist Überraschung.

Zillo: Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

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