Nova Files 02/98

Von der Kondition eines Machtstreckenläufers

Rebell überquerte den Fluß bei Vollmond. Tagsüber hatte er sich versteckt und ausgeruht, während die Vasallen des Herrn über's Land geritten waren - auf der Suche nach ihm. Niemand hatte ihn bis dahin entdeckt, jetzt aber galt es die Grenze zu erreichen - erst dann würde er sicher sein.
Ein Gespräch mit Oswald Henke.


Berlin wurde als Austragungsort der neuen GOETHES ERBEN Aufführung "Kondition: Macht!" auserkoren. Welche Idee, welches Konzept, welche Geschichte verbirgt sich hinter "Kondition: Macht!", betrachtet man das Musiktheater-Stück im Rahmen seiner inhaltlichen Seite?

"Kondition: Macht!" wird dem Zuschauer als Zeitreise verkauft. Der Besucher wird zum reisenden Beobachter irgendwo, irgendwann in der Zukunft. Er wird zum Zeugen einer Handlungsebene, in der die Geschichte des Rebellen weitererzählt wird. In einer zukünftigen Welt hat die Maschine die Menschen entmündigt und entmachtet. Menschen dürfen in dieser Welt nur noch paarweise auftreten, es herrscht ein absolutes Versammlungsverbot, welches von der Kontrollinstanz der Maschine, dem weißen Licht, überwacht wird. Unter der Führung des Rebellen versucht eine kleine Gruppe von Abtrünnigen sich der Überwachung durch die Maschine zu entziehen. In diesem Machtvakuum baut der Rebell die Keimzelle eines neuen Staates im Staat auf, eine neue Machtordnung. Das Spiel um Macht ermöglicht es, die unterschiedlichsten Facetten darstellender Kunst miteinander zu verbinden, denn letztendlich ist alles Macht. Macht kann manipulieren und beeinflussen, aber auch ordnen und führen. Die Macht als Instrument ist wertfrei, sie ist weder gut noch böse. Ausschlaggebend ist nur, wie sie eingesetzt wird. Durch die Zusammenarbeit mit OMBRA BALLARE und die Möglichkeiten, die eine weitere Sprachrolle in sich birgt, ist "Kondition: Macht!" eine sehr komplexe Geschichte geworden. Musik, Tanz und Schauspiel gelingt es erst gemeinsam, die Handlungsebenen miteinander zu verbinden. Menschliche Phantasie triumphiert anfangs über die Logik der Maschine, doch letztendlich scheitert der Mensch an seinem Egoismus.

Lange vorbereitet und angekündigt wird es "Kondition: Macht!" meines Wissens nach nicht auf CD geben. Kein Wunder, da es für ein Musiktheater nicht unbedingt typisch ist, seine Vorstellungen auf Tonträger zu pressen. Dennoch eine Frage, die auch die Fans beschäftigen wird: Muß das sein? Wird es ein Video geben etc.? Oder bleibt das Paperback zu "Kondition: Macht!" das einzige Zeichen seiner Zeit?

Das Publikum in Berlin wird mitentscheiden, wann und ob "Kondition: Macht!" veröffentlicht wird. Wir werden keine CD veröffentlichen, die niemanden interessiert, auch wenn unser Label dieses Album noch im Herbst '98 veröffentlichen möchte. Wir werden alle vier Aufführungen digital mitschneiden, doch keine Veröffentlichung überstürzen. Wenn "Kondition: Macht!" veröffentlicht werden sollte, dann in jedem Fall in zwei Versionen. Zum einen als limitiertes Doppelalbum mit allen Musikstücken und auch den nicht mit Musik unterlegten, reinen Sprechpassagen, zum anderen als CD, auf der eine Auswahl der Musikstücke enthalten sein wird. Die Inszenierung von "Kondition: Macht!" ist extrem auf Optik ausgelegt. Es gibt z.B. drei reine Tanzszenen ohne Worte und reine Schauspielszenen mit Aktionen ohne viel Worte. Beides läßt sich nur sehr schwer auf einem eindimensionalen Tonträger dokumentieren. "Kondition: Macht!" ist mit Sicherheit nicht leicht zu konsumieren, und seit dem blauen Album habe ich meine Erwartungshaltung zurückgeschraubt. Wir gehen mit GOETHES ERBEN seit vielen Jahren einen sehr kompromißlosen Weg, wenn es um unsere Liveinszenierungen geht. Bei CD-Veröffentlichungen orientieren wir uns daran, ob Interesse an einer Veröffentlichung besteht. Die Liveinszenierung steht für GOETHES ERBEN allerdings im Vordergrund, nicht die Zweitvermarktung auf Tonträger, obwohl diese für uns existentiell wichtig sind. Sicherlich wäre ein Video eine mögliche Alternative, doch die Kosten sind ungleich höher, will man eine gewisse Qualtität erreichen.

Bezugnehmend auf Frage 1: Wie sieht das Konzept etc. zu "Kondition: Macht!" aus, betrachtet man die organisatorische Arbeit. Wieviel Arbeit und Zeit steckt dahinter, falls man dies in den genannten Faktoren überhaupt zum Ausdruck bringen kann? Ist die Darbietung nach vier Aufführungen tatsächlich beendet?

Das Hauptproblem bei den Vorbereitungen zu "Kondition: Macht!" waren die Proben und deren Koordination. Mindy und Markus Köstner (Schlagzeug) leben in Berlin, Troy und ein Tontechniker kommen aus Saarbrücken, Susanne Reinhardt (Geige) aus Darmstadt, der Bassist Christoph Ziegler aus Gießen, Susi und Kathi Maeder sowie Ramona Patzak von OMBRA BALLARE sind aus Chemnitz... Einzig die Schauspielerin Siegrid Beierkuhnlein und ich stammen aus dem Raum Bayreuth. Ich glaube, keiner kann sich vorstellen wie kompliziert es ist, all diese Menschen unter einen Hut zu bekommen, schließlich sind die wenigsten Profis und stecken entweder in der Ausbildung, im Berufsleben oder im Studium. Aus diesem Grund haben wir größtenteils getrennt geprobt - die Abteilung Musik, die Abteilung Tanz und die Abteilung Schauspiel, und uns nur einmal im Monat an einem Wochenende zum gemeinsamen Proben getroffen. Ein großes Problem war es auch, geeignete Proberäume zu finden, die technischen Schwierigkeiten zu lösen, das Bühnenbild zu bauen... und zu guter letzt mußte dies alles auch noch finanziert werden. Die Vorproduktion von "Kondition: Macht!" hat bislang DM 25.000 gekostet. - und das sind nur Fahrt-, Materialkosten und Mieten. Alle beteiligten Akteure erhalten pro Aufführung mehr oder weniger eine Abfindung als Gage, die Probezeiten werden nicht vergütet. Wenn ich es genau betrachte, dann müssen wir total verrückt sein. Aber es macht ungemein Spaß aus einer Idee heraus ein komplexes Musiktheaterstück entstehen zu lassen. Ich hoffe, daß wir 1999 noch einmal die Möglichkeit erhalten, in einem Theater "Kondition: Macht!" aufzuführen.

Wovon träumt Oswald Henke, wenn er an die Zukunft des Musiktheaters "Goethes Erben" denkt?

Mein Traum ist es, nicht mehr über die Finanzierbarkeit von Ideen nachdenken zu müssen und sich kreativ austoben zu können wie man möchte, ohne auf finanzielle Schranken zu treffen. Liebend gerne würde ich in Zukunft mit einem festen Ensemble arbeiten, dessen Mitglieder von den Früchten ihrer Tätigkeit leben können. Allerdings mache ich mir diesbe- züglich keine Illusionen.

Zwei Tage später erreichte Rebell die Grenze. Die aufgehende Sonne begrüßte das weite Land, die letzten Tage der Knechtschaft schienen gezählt. Noch ahnte er nicht, daß im Visier eines Heckenschützen er sich längst befand...

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