Orkus 02/99

HISTORY : Goethes Erben (Teil 2)



Teil II: Auf der Suche nach "Blau Rebell"

Es ist eigentlich schade, dass jenes Blaue Album von Goethes Erben damals (1995) nicht die Anerkennung erfuhr, die es verdient hatte. Deshalb gestatte ich mir, bei der Suche nach dem Rebellen ein wenig zu helfen. Unsere Suche beginnt dort, wo die alltäglichen Denkversuche gewohnheitsgemäss aufhören. Zugegeben, Goethes Erben schufen mit diesem Epos ein unbarmherzig extravagantes, schwer zugängliches Kunstwerk. Wer sich darauf einlassen will, braucht Geduld und Phantasie, denn genau wie der Schatten ohne das Licht nicht existiert, ist der Traum der Schlüssel zur Realität. Alle vermeindlichen Gegensätze bedingen einander und gleichen sich in ihren Extremen. An jenem Punkt, wo Gut und Böse sich treffen, wo Wirklichkeit und Illusion miteinander verschmelzen und der Augenblick zur Ewigkeit wird, beginnt (und endet) die Suche nach Blau Rebell.

OH: "Das Blaue Album ist eigentlich ein Datenträger und bewusst unpersönlich. Es handelt von Költe und endet damit, dass man Töne einfriert. Kein Instrument klingt, wie man es gewöhnt ist. Wir haben zum Beispiel mit Effektprozessoren ein Klavier in einem See versenkt. Damit entstand eine Musiklandschaft zwischen dissonanter Zwölftonkunst und elektronischer Endzeitunterhaltung..."


Gitane Demone flüsterte die Erinnerungen der Mutter an "Pascal" herbei. In den Erinnerungen der Mutter durchlebt "Pascal" das unwirkliche kalte Grauen einer Flucht. Mit den beiden Kurzgeschichten "Blau Rebell" gingen Mindy Kumbalek und Oswald Henke konsequent an allen Erwartungen vorbei, stellten sämtliche Hörgewohnheiten auf den Kopf. Dabei ist das Album der Gipfel des Zynismus.

MK: "'Blau' lebt von fröhlichen Klavierparts... und dann dieser Text!"... OH: "'Das schwarze Wesen' ist auch so ein Beispiel für diesen Gegensatz. 'Ich liebe Schmerzen' ist wohl das krasseste Stück, bei dem ein solcher Spagat zwischen Musik und Text vollzogen wird. Gegensätze waren schon immer ein erklärtes Ziel von Goethes Erben...".

MK: "...auch wenn diese auf 'Blau Rebell' mehr durch die Stimme verursacht werden. Sie ist kalt und tonlos und baut so eine Trennwand zwischen Sprache und Musik".

Diese ungewohnt kalte Stimme lässt den Hörer frieren. Auch der Handlungsverlauf, das Zeitgefüge der Geschichte, friert ein und erstarrt zu einem Punkt, der unendlich viele Gefühle und Gedanken beinhaltet.

OH: "Ich glaube, dass wir in unserem Denken eingeschränkt sind. Wir denken dreidimensional, weil wir uns nicht in der Lage sehen, die Zeit irgendwie zu beeinflussen. Und doch ist die Zeit eine Dimension. Es ist zum Beispiel faszinierend, wenn man abends am Firmament Sterne betrachten kann, die vielleicht schon vor Jahren erloschen sind, die es eigentlich nicht mehr gibt. Das, was wir sehen, ist für uns existent. Nur in dieser Entfernung ist es bereits Vergangenheit".


Zuvor hatten Goethes Erben einen Tiefpunkt ihrer Karriere erreicht. Die "Abend in Blau"-Tour stand unter keinem guten Stern. Mindys Lkieblingskeyboard verabschiedete sich und nahm sämtliche Sounds mit ins Grab; in Berlin wurde die Tourneekasse geklaut und zu allem Überfluss erntete das Duo mit dem dritten Studioalbum "Tote Augen sehen Leben" überwiegend schlechte Kritiken. Oswald Henke dachte 1994 laut über das Aufhören nach.

OH: "Ich wollte Goethes Erben damals beinahe auflösen, doch gerade zu diesem Zeitpunkt erreichte uns immer mehr Fanpost, die insbesondere mir die Kraft gab, weiterzumachen".

So nahm man mit Troy als neuem Bandmmitglied und Vladimir Ivanoff als Produzenten im November 1994 das vierte Studioalbum auf und absolvierte eine sehr erfolgreiche "Blau Rebell"-Tour. Eine Maxi namens "Der Die Das" wurde zwar nicht als Ode an das Kabarett verstanden, jedoch bescherten sich Goethes Erben mit "Die Form" den ersten "überregionalen" Szenehit. Dem überall zahlreich erschienenen Publikum bit sich eine bizarre, kalte Einmaligkeit. Mit einer aufwendigen Licht- und Videotechnik erschienen dieAkteure erst auf der Leinwand, bevor man sie real zu Gesicht bekam. Synchron und im Verlauf einfrierend zeitverzögert ergänzten sich laufende Bilder, blaues Licht, eisige Keyboardsounds und sägende Gitarren zu einer bedrohlichen Landschaft. Die Goethes Erben-Version des Nick Cave-Klassikers "The Mercy Seat" ("Sitz der Gnade"), die man als Zugabe präsentierte, fand darüberhinaus besonderen Anklang bei den Fans.

[Weiter]