Gift No.5 (April/Mai 1992)

Live zwischen Melancholie und Wahnsinn

Am 29.02.1992 fand im Spirit of Mozart (Karlsruhe) das Auftaktkonzert der Goethes Erben Tour statt. In der Ankündigung wurde ein 2 1/2stündiges Premiere Programm mit begrenzter Zuschauerzahl (80) angepriesen. Das kleine Cafe war dann auch völlig ausverkauft, was zeitweise recht erdrückend war. Dies ließ jedoch, in Verbindung mit der Inneneinrichtung des Cafes, so etwas wie eine Kammerkonzert-Atmosphäre aufkommen. Die vielen Kerzen auf der Bühne taten ihr Übriges und schufen eine unwirkliche Welt, die auch inhaltlich durchgehalten wurde. Mängel dieser Veranstaltung sind schnell aufgezählt: technische Probleme zu Beginn, ein recht lauter Sound und eine jähe Schrecksekunde für die sitzende erste Reihe, als Oswald in einem Anfall von Wahnsinn in die Kerzen haute, wobei sich leider auf einige Zuschauer der gesamt Wachs ergoß. Doch kommen wir zum Inhalt des Konzertes; durch geschickt gesponnene Übergänge bewirkte Oswald Henke eine in sich abgeschlossene Traumwelt, die sich als Balanceakt zwischen Melancholie und Wahnsinn präsentierte. Aus diesem Grunde kann man auch nicht von einem Konzert, sondern wohl eher von einem Musiktheater sprechen. Da viele sicher nicht die Möglichkeit hatten, in den Genuß dieser musikalisch, lyrischen Erzählung zu kommen, werde ich nun versuchen, diese noch einmal tendenziell, zu rekonstruieren, ohne jedoch die Atmosphäre der Darbietung, annähernd wiedergeben zu können ...

Das Sterben ist ästhetisch bunt... Unsere Reise in die Traumwelt hat begonnen. Es ist kalte Nacht und hier und da sieht man den kalten Atem - und Kaltes Licht. Im Kinderzimmer spielt ein Kind und das Kind spielt Krieg mit Zinnsoldaten
Wir befinden uns nun in einer Kathedrale, in welcher gerade Abschied genommen wird von einem kleinen Mädchen, und wir schleichen uns ein in die Gedankenwelt des Priesters, der jahrelang seine Wünsche und Triebe unterdrücken mußte ... Die letzte Nacht.
Danke für den Applaus, aber es kommt noch schlimmer! Wir machen uns nun Gedanken über die eigene Psyche, in der wir gefangen sind - gefangen wie in Der Kerker.
Während der Analyse seines Lebens kommt manch einer zu dem Schluß, den Zeitpunkt des Todes in die eigenen Hände zu nehmen, denn Ich möchte nicht länger...

Doch nicht immer führt die Tat zum gewünschten Ziel und wir wachen auf in einem weißgekachelten Raum und befinden uns im Koma
Immer noch im Zustand des Komas tauchen wir ein in die Welt des Traumes, doch es sind Alpträume und uns erscheint Die schwarze Flut.
Der Traum geht weiter mit Unrat.
Der Körper beginnt, die Maschine zu besiegen, denn kein Mensch kann mit Gewalt am Leben gehalten werden. So gelangen wir in einen weißen Raum mit zwei Türen. Wir wählen die recht - Die Tür in die Vergangenheit. Wir kehren zurück in den Raum und der Körper wehrt sich weiterhin gegen die Maschinen. Nun nehmen wir die linke Tür, die direkt ins Freie führt und sehen Spuren im Schnee.

Es erfolgte eine kurze Pause.
Der zweite Akt dieses Musiktheaters begann ohne Ansprache, dafür aber mit Klavier. Das schwarze Wesen... Wir verlassen jetzt die Melancholie und drehen das Rad der Zeit zurück in die Wirren des 2.Weltkrieges. Es geht um die Abarten der menschlichen Psyche und Iphigenie.
Wir begleiten den Metzgermeister in die Psychatrie. Nur leider sind dort auch Menschen, die nicht verrückt sind, und zwar bereits 5 Jahre.
Hier schließt sich das Programm, doch das Publikum fordert vehement eine Zugabe.
Ihr wollte es nicht anders...Der unbekannte Soldat.
Als letztes begeben wir uns auf Abwege. - Auf eine mit Dschungel überwucherte Insel und schon von weitem hören wir die Trommeln vom Voodoo.
Hier endet die Erzählung in einem extase-ähnlichen Voodoo-Tanz Oswalds.
Eine Stimme, die sich tief in die Gehirnmasse und die Herzen der Zuschauer einfraß... sphärische Klänge, die so manch eine Gänsehaut hervorriefen... eine Darbietung des Wahnsinns, der Verzweiflung und der Euphorie, des Unwirklichen, die Die Zuschauer in die menschliche Psyche einführte, - Die bereit waren, sich einmal völlig in Musik und Lyrik fallen zu lassen.
Fazit: Erst live kommt die Einheit und das Ausmaß der melancholisch-wahnsinnigen Texte durch Oswald Henkes Artikulation und Mimik wirklich zum Tragen.
Goethes Erben hört man nicht nur - man fühlt sie.



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