Orkus 02/97, 03/97

Die Renaissance des Größenwahns

Lebendigkeit ist das Ziel gewesen. Man wollte die Authentizität des Livekonzertes dem Hörer in Studioqualität bieten. Das scheint allumfassend gelungen, denn ich durfte ein Werk hören, das eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt: Die frischgepreßte, brandaktuelle Goethes Erben - CD "Schach ist nicht das Leben". Dieses livehaftige Goethes Erben - Album ist melodisch und doch druckvoll geworden - und ehrlich, weil die Erzählerfigur des Stückes "Schach ist nicht das Leben" ihren Rollencharakter verliert. Musikalisch und produktionstechnisch auf höchstem Niveau präsentieren Oswald Henke, Mindy Kumbalek und Troy prägnante, emotionsgeladene Stücke zwischen grenzenloser Angst und begründeter Euphorie, Kabarett und Ritual, selbstverfaßter Esotherik und narzistischer Erotik. Mindy Kumbalek und Oswald Henke hatten also gute Gründe extrem gut gelaunt über dieses Werk zu reden und natürlich über ein bißchen mehr ...

Die Idee, die deutsche Sprache in das Zentrum eines musikalischen Theaters zu stellen, veranlaßte Oswald Henke und Peter Seipt im Januar 1989 ein Projekt names Goethes Erben ins Leben zu rufen. Man wählte den Namen nicht, um sich mit dem großen Dichter zu messen, sondern um schon im Namen eine Verbindung zur deutschen Sprache herzustellen. Seit Februar 1991 sind Mindy Kumbalek (Keyboards, Saxophon, Percussions, ... ) und Oswald Henke (Worte ... ) der Inbegriff für Goethes Erben. Mit Conny R. (Gitarren) zum Trio ergänzt nahmen sie das Debütalbum "Das Sterben ist ästhetisch bunt" auf, das zum Beginn einer Albumtrilogie wurde, die sich mit den Grenzbereichen zwischen Leben und Tod beschäftigte.

O.H.: Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, daß sich diese nicht musikalische CD 12000 mal verkauft hat...

M.K.: ... und sie verkauft sich noch immer ...

O.H.: ... wie auch die anderen älteren Veröffentlichungen von Goethes Erben

"Schach ist nicht das Leben" ist im Vergleich dazu ein sehr kompaktes Album geworden. Oswald Henke arbeitete verstärkt mit choruskompatiblen Wiederholungen. Musikalisch haben sich Goethes Erben wieder einmal in eine Richtung entwickelt, die man nicht erwartete. Abgefahren ist man immer noch, doch gleichzeitig gefälliger. Orgiastische Gefühlsausbrüche gibt es immer noch, doch gleichzeitig ist man melodiöser geworden. Goethes Erben erzählen zwar immer noch eine zusammenhängende Geschichte, doch die einzelnen Stücke sind in sich geschlossener. Das Trio hat also all seine Seiten exzessiv in Szene gesetzt und dabei den Beweis abgeliefert, daß diese Gegensätze miteinander harmonieren. Dies geschah in Saarbrücken unter der Obhut von FM Einheit (ex - Einstürzende Neubauten). Wie kam es den zu dieser Zusammenarbeit ?

O.H.: FM Einheit war sozusagen der Wunschproduzent von uns. Er hat auch nur deshalb mit uns zusammengeasrbeitet, weil wir deutschsprachige Musik machen. Wir waren, glaube ich, deshalb für ihn interessant, weil wir etwas Eigenständiges machen und nicht irgendeine Kopie sind.

Der Anspruch anders zu sein, eskalierte ja förmlich auf der vorangegangenen CD. Absichtlich gegen den Trend, die Tanzbarkeit zum Maß aller Dinge zu machen, wurde die mit Troy erneut zum Trio gewachsene Gruppe mit ihrem namenlosen vierten Studioalbum extrem avantgardistisch. Die einstigen Gefühle, die das Seelenleben von Goethes Erben lyrisch widerspiegelten, wurden gewissermaßen tiefgekühlt.

O.H.: "Blau" war meiner Ansicht nach das Erben - Album mit der größten Dichte und der Pathos wich der Gewalt des Wortes.

Auf der Blau/Rebell - Tour 1995 inszenierte man einem allerortens zahlreich erschienenen Publikum eine bizarre, kalte Einmaligkeit mit einer aufwendigen Licht- und Videotechnik. Die zwei zusammengehörigen Kurzgeschichten sind ziemlich lang und stark strukturiert. Die neuen Stücke sind dagegen sehr songorientiert und größtenteils 3-4 min.

M.K.: Würde ich nicht ganz so sehen. "Begrüßende Worte" ist ziemlich lang geworden.

O.H.: Diesmal geht es um Gefühle. Dementsprechend gestaltet sich auch die Arbeit im Studio. Wir setzen thematisch in einer kalten Welt ohne Farben an, befinden uns anfangs also in der Eiswüste von "Blau". "Schach" stellt dabei am besten die dabei herrschenden Gegensätze dar: Schwarz und Weiß.

Von dort aus begeben sich Goethes Erben auf die Suche nach den Farben des Lebens. Klingen die Stücke deshalb so lebendig, als wären sie von einer Band mit Schlagzeug, Baß usw. eingespielt ?

O.H.: Wir waren sieben Leute im Studio und hatten Spaß miteinander. Die gleiche Band wird übrigens auch die Frühjahrskonzerte mitbestreiten. Diese Konzerte sind eine neue Inszenierung der 96er Tour, auf der wir diese Stücke erarbeitet haben. Wir werden ein komplett neues, surreales Bühnenbild haben, das sich von der Schachthematik etwas entfernt. Mit dabei sein wird auch die Ballettgruppe Ombra Ballare.

M.K.: Ich habe die kompletten Texte bekommen und die Musik dazu geschrieben ...

O.H.: .. danach haben wir sie arrangiert und Mindy hat dann noch die Feinheiten ausgearbeitet, bevor wir die Grundversion des Albums mit der Band einstudierten. Obwohl die Musiker so strikte Vorgaben hatten, wurde "Schach ist nicht das Leben" später durch Improvisationen z.B. vom Schlagzeuger oder den Streichern bereichert.

Die Inszenierung wurde im Rahmen ein 96er Tour aufgeführt und die einzelnen Stücke konnten sich so live weiterentwickeln, bevor die Band ins Studio ging. Im Vergleich zum Vorgänger ist das eine vollkommen neue Arbeitsweise.

O.H.: Die große Stärke von Goethes Erben war schon immer die Livepräsenz und die Tatsache, daß wir die Stücke und die Aufführungen immer wieder uminszenieren. Wir sind keine dieser DAT-Bands, die dann alte Bänder umkopieren. Das ist bei manchen Electrobands sehr auffallend. "Oh hör mal, jetzt spielen sie ein altes Stück, da fehlen noch die Loops ..."

M.K.: Wir sind seit den Anfängen eine Liveband und unsere Stücke waren live immer besser als auf Studioalben.

O.H.: Das kam der Live-CD "Leben im Niemandsland" sehr zu gute, wobei wir damals noch einen Kompromiß mit den alten Erben-Stücken schlossen.

Von April bis Juni 1993 gab die Gruppe insgesamt sechs Konzerte in einer stark erweiterten Livebesetzung. Gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler und Produzenten Vladimir Ivanoff (Sarband, Vox) arrangierte man überwiegend älteres Material um und ergänzte die Instrumentierung der Stücke um Violinen, Cello und Percussions. Der Konzertmitschnitt aus dem "Zwischenfall" in Bochum wurde als Livealbum "Leben im Niemandsland" (1993) veröffentlicht. Der Brückenschlag zur Klassik ist Goethes Erben damit mehr als gelungen, den diese CD gilt als eine der besten Goethes Erben - Veröffentlichungen überhaupt.

O.H.: Wir arbeiteten damals noch mit Computerdrumming usw. Auf der neuen CD hörst du dagegen keine einzige Sequenzerspur, außer bei "Erkaufte Träume", einem sehr elektronischen Stück. Selbst "Ein Moment der Ruhe", was wir auf der Bühne noch mit Sequencer gespielt haben, wurde im Studio komplett live eingespielt.

M.K.: Ich glaube, daß wir eben diesen Erben-typischen Livecharakter im Studio sehr gut eingefangen haben.

O.H.: Man muß sich vorstellen: Wir haben das ganze Album live aufgenommen und danach verschiedene Stimmspuren und Percussions als Overdubs ergänzt. Viel ausbessern mußte man dabei nicht. Nur die Stimme ist eben bis zum Exzess aufgenommen worden. Bei "Erkaufte Träume" habe ich einen halben Tag damit verbracht, eine bestimmte Textpassage x-mal aufzunehmen. Damit wird die Sprache zur Rhythmik.

"Erkaufte Träume" ist in einer anderen Version auf dem "We came to dance"-Sampler erschienen und überrascht durch eine eher Erben-untypische Tanzbarkeit.

M.K.: Naja, so tanzbar ist das Teil nun auch wieder nicht.

O.H.: Wenn man das ganze noch ein paar Beats schneller macht und eine stupidere Bassdrum druntergelegt hätte, dann hätte "Erkaufte Träume" erfolgreich werden können ... .

M.K.: Warte doch erstmal ab, wie sich das entwickelt. Ich hätte auch nicht gedacht, daß "Sitz der Gnade" in den Discotheken so gut läuft.

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