Konzertberichte : Bayreuth, Das Zentrum, 26.10.2002 (Festival d´Etage II)

Konzertbericht von Marc Christiansen
Auch wenn das Wetter dieses Jahr nicht so recht mitspielen wollte - den traditionellen Wochenendtrip ins oberfränkische Bayreuth konnte es doch nicht verhindern; wurde einem das diesjährige Festival d´Etage doch in mehrfacher Hinsicht schmackhaft gemacht. Für die meisten dürfte neben den Erben wohl der Akustik-Auftritt von Deine Lakaien ein Hauptanreiz gewesen sein, die teilweise wieder recht spektakulären Anreisewege in Kauf zu nehmen.

Für manch eingeschworenen Lakaien-Fan mag es vielleicht auch etwas enttäuschend gewesen sein, daß ihre Lieblinge "nur" 45 Minuten spielen sollten (aus denen dann aber immerhin 55 Minuten wurden !). Dafür handelte es sich ja aber auch um einen der wenigen Akustik-Gigs und für Ernst ist ein solcher Auftritt sicher deutlich anstrengender als das gemischte Programm (zur Erinnerung : ein "voller" Akustik-Gig, der nicht im Rahmen eines Festivals stattfindet, ist auch nie länger als 80 Minuten !).

Doch von vorne : Der Abend wurde mit der Formation Care Company gemächlich eröffnet. Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte : Hierbei handelt es sich um ein Projekt von Markus Reinhardt (Wolfsheim, an diesem Abend leider nicht anwesend), Carsten Klatte (den wir nicht nur an der Gitarre, sondern auch am Mikrofon bewundern durften) und Mindy Kumbalek (wer war denn das nochmal ? ;-). Ergänzt wurde die Band an diesem Abend um einige weitere Musiker (u.a. einer Sängerin), die mir leider nicht bekannt waren (doch, den Mann an der Gitarre habe ich schon mal gesehen, war das nicht Axel Ermes von Girls Under Glass ?).

Eingängige Nummern, denen es hier und da jedoch etwas an Abwechslung fehlte. Dennoch : Carsten schlägt sich schon ganz gut als Sänger; wie nicht zuletzt die Cover-Version des von mir ebenso geliebten Peter Murphy-Stückes "Marlene Dietrich´s Favourite Poem" beweist.

Jochen Schoberth präsentierte uns sein All-Star-Projekt Artwork an diesem Abend neben ihm selbst in der Besetzung Chris Goellnitz, Katja Hübner, Markus Köstner, Andreas Hack (?) und (es war ja irgendwie zu erwarten) dem "König" O.H. der I., der uns "Stadt der Träume", "Mittsommernachtstraumspaziergang" und "Liebling der Götter" zum Besten gab. Letzteres gefällt mir auch deshalb besonders gut, weil es zeigt, das sich Oswalds gesprochene Worte doch in den Kontext anderer Gesangeskunst integrieren läßt.

Durch die Abwesenheit von Jan Kunold war das Set weniger klassisch geprägt, das Patomimen-Spiel zwischen Katja und Chris fiel auch etwas verhaltener aus, gesangstechnisch harmonieren beide aber mindestens ebensogut. Im Gegensatz zu seinem Hauptprojekt Beautiful Disease driftet Chris Stimme nicht gar so weit in verträumte Sphären ab, dennoch ist die Nähe zu einem gewissen Edward Ka-Spel nicht zu leugnen (weshalb dessen Fehlen bei "Bring The Rain" auch nicht sonderlich ins Gewicht fiel).

Und um den Erben-Anteil noch zu erhöhen, wurde auch Coco Sturm für ein Stück auf die Bühne zitiert - er übernahm den Part am Cello. Sieh´ mal einer an : Da hatte ich das Booklet zur letzten CD wohl doch noch gar nicht richtig gelesen; wußte gar nicht, daß er auch dieses Instrument beherrscht !

Obwohl der Europasaal auch schon während der ersten zwei Konzerte recht gut gefüllt war, wurden die Reihen nun nochmals dichter. Nach einer kurzen Aufforderung, daß sich die ersten Reihen kurz setzen mögen, wurde kurzerhand ein Flügel auf die Bühne gezaubert - das Zentrum hat doch immer noch kleine Überraschungen zu bieten !

Es dauerte nun auch nicht mehr lang bis Ernst & Alexander die Bühne betraten und wie gewohnt ihr akustisches Set mit "Love Me To The End" einleiteten. Nach einem weiteren Dark Star-Stück ("Down Down Down") kam ein Sprung zur aktuellen "White Lies"-Phase ("May Be"), bei dem Ernst nun aktiv die Saiten des Flügels in Schwingungen versetzte.

Schneller wurde es nun wieder mit "Follow Me" (von Forest Enter Exit) und "The Mirror Men" (vom Debüt-Album) - gerade bei letzterem beweist Ernst immer wieder sein Können an den Tasten. Allein der Schlußpart : This piano rocks !

"Manastir Baroue" - leider war das präparierte Glockenspiel während des Refrains nicht ganz so gut zu hören wie noch auf den Konzerten im letzten Dezember. Dennoch mag ich dieses Stück auch sehr.

Nicht fehlen durfte natürlich auch "Where You Are", die kommende Single-Auskopplung, dessen Remixes in den einschlägigen Clubs schon rauf und runter laufen. Aber ganz ehrlich : Die reine Piano-Version gefällt mir schon am besten ! - Mit "Return" schließt sich gleich ein weiterer Single-Hit an, bevor dann mit "Cupid´s Disease" die Finger von Ernst unter dem Anschlagtempo nahezu verschwinden.

Den Zugaben-Part eröffent die Ballade "The Game", der dann mit "Dark Star" auch schon sein Ende findet.

Wie immer bei den Lakaien eine perfekte Show - und eine schöne Einstimmung auf das Konzert der zweiten "White Lies"-Tour in Darmstadt !

Bis hierher fehlten ja noch die richtig fetzigen Elemente in der Musik, die einen so richtig wachrütteln. Doch dafür war ja nun der Headliner des Abends zuständig : Goethes Erben begannen denn auch gleich mit dem "Eissturm", dem traurig-schönen Chanson "Vermißter Traum", um dann in die Welt von "Schach..." einzutauchen ("Keine Farben", "Gleiten"). Ein kurzer Abstecher zu "Kondition:Macht!" ("Marionetten", manch einer beherrscht mittlerweile auch das "Kabelwesen-Weißes Licht-Puppen-Eifersucht-Nur in Traum gewünschte Welten") war die Überleitung zu einem ausgedehnten Trilogie-Set. Ein Geschenk an die Fans der ersten Stunde ? Oder eine Möglichkeit für jüngere Fans, sich dem älteren Material zu nähern ? - Wie dem auch sei : Stücke wie "Die Form", "Kaltes Licht", "5 Jahre", "Mit dem Wissen" oder "Der Weg" wecken immer wieder schöne Erinnerungen an frühere Tage.

Völlig überraschend traf mich dann aber die Ankündigung, man wolle nun heute ein Stück spielen, daß bislang noch nie live präsentiert wurde (tja, Oswald, da hast Du mich auf dem falschen Fuß erwischt, denn die Mailing-Listen-Mails hatte ich aufgrund Zeitmangels die letzten Tage nicht mehr lesen können). Wer die Erben seit den Anfangstagen kennt und ihre Live-Shows regelmäßig verfolgt hat, konnte da nach einiger Überlegung nur zu einem Ergebnis kommen : "Stumme Zeugen" (vom ersten Tape auf Danse Macabre). Eigentlich ein sehr simples Piano-Stück, das die Erben aber doch um einige Elemente anzureichern wußten. Für den ein oder anderen sicher nicht unumstritten, aber da Oswald z.Z. mit der FSK ohehin auf dem Kriegsfuß steht... warum nicht auch gleich "Fleischschuld" hinterher schieben ?

Versöhnlichen Abschluß bildete dann der (aus meiner Sicht geheime Hit) "Mensch sein" - sogar mein Bruder fand dieses Stück äußerst eingängig.

So schnell können 100 Minuten vergehen - und wieder fragt man sich : Wie geht es weiter mit den Erben ? - Wird es im nächsten Jahr neben dem Belgien-Festival-Auftritt weitere Konzerte geben ?

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