Konzertberichte : Berlin, K17, 03.03.2006

Tourbericht (von Tim Hofmann)
2. März, Probe:

Die Atmosphäre einer Erben-Probe ist immer wieder auf seltsame Weise einnehmend. Einerseits läuft so ein Zusammentreffen sehr familiär ab - nachdem man Wochen oder Monate nur per Mail im Kontakt stand, gibt es viel zu plaudern, man freut sich, wieder beieinander zu sein. Andererseits wird sehr konzentriert und diszipliniert gearbeitet.

Zum Auftakt der "Mini-Europa-Tour 2006" läuft das Ganze noch etwas intensiver ab, da wir uns den Luxus gönnten, einen Tag mit kompletter PA im K17 zu proben. Ich nutze die Gelegenheit, mit Tontechniker Ernst endlich mal alle Gitarrensounds über die Saalbeschallung zu optimieren - über die Proberaumanlage klingt es immer anders als im Konzert. Markus und Mindy testen tonnenweise Metallschrott, den sie in den letzten Tagen für ihre Perkussion zusammengetragen haben. Nicht jedes Blech- oder Stahlteil klingt über die Mikrofone wirklich so wie gewünscht, so dass Markus sogar noch einmal loszieht und letztlich mit einer Art ausrangiertem Abfallkorbhalter ankommt, der endlich den fehlenden Klang für "Mit dem Wissen" liefert.

Bis zum späten Abend feilen wir am Programm und an den Einstellungen für das In-Ear-System: Dabei hat jeder Musiker zwei Kopfhörerstöpsel im Ohr, über die er per Funk die gesamte Band hören kann. Unser Monitormann Conde kann dabei jedem die Musik individuell mischen: Jeder braucht sein eigenes Instrument lauter und jeweils die anderen an bestimmten Stellen in bestimmter Lautstärke. Wenn das funktioniert, ist es genial - hat man aber zu wenig Zeit, es einzustellen, ist es eine Katastrophe. Wir nehmen uns Zeit, und Conde, der Fels in der Brandung, sieben auf ihn einredender Musiker ("Mach doch mal bitte in meinem Mix bei Titel sowieso die Geigen ein ganz klein wenig leiser und dafür die Bassdrum etwas lauter, und dreh die Gitarre ganz nach rechts!"), hat es nach diesem Tag perfekt im Griff. Wir lassen den Abend mit einem gemeinsamen Essen gepflegt ausklingen...

3. März, Berlin, K17: Mittags wird noch einmal für ein paar Stunden geprobt. Vor allem Frank und ich sind als Neu-Gitarristen und In-Ear-Frischlinge ganz froh darüber... das Programm fühlt sich mit jedem Durchlauf besser an und das waren zwei mehr ;-) Der Klub ist vollkommen ausverkauft, so dass wir arge Probleme mit der Gästeliste haben: Fast 100 Freunde, Verwandte und langjährige Wegbegleiter wollen das Konzert sehen. Es ist nicht leicht zu entscheiden, wem man da eine Absage geben muss...

Das Konzert im rappelvollen Saal ist ein echtes Gänsehaut-Erlebnis. Oswald ist in Bestform und nutzt die Tatsache, dass er als einziger keine In-Ear-Stöpsel
trägt, für eine entfesselte Darbietung. Mit dem klaren Klang im Ohr gelingen vor allem ruhige Akustikgitarren-Passagen wunderbar - ich will gar nicht mehr wissen, wie "Vermisster Traum" auf den bisherigen Festivals geklungen hat, wo ich die Gitarre quasi blind spielen musste ! Liebe Fans haben extra für diesen Auftritt ein Transparent gemalt, bei sowas ist man auf der Bühne einfach nur gerührt. Nach dem Konzert gibt es noch sehr viele schöne Begegnungen in den Clubfloors des K17 bis wir gegen 4 Uhr mit dem Nightliner aufbrechen.

Dummerweise kommt der Fahrer kaum aus dem Backstagebereich heraus, so dass wir alle (bis auf die Frauen natürlich, Mindy nascht derweil lieber Sushi ;-)) erst einmal den Hänger mit der Anlage von Hand schieben müssen...

4. März, Krefeld, Kulturfabrik: Das Team der Kulturfabrik kann zwar kulinarisch gegen die Catering-Dame des K17 nichts ausrichten... dafür ist die Klubmannschaft beim Auf- und Abbauen sehr fürsorglich und ausgesprochen hilfsbereit. Das Konzert selbst ist auf ganz andere Weise schön: Nach den ausgelassen jubelnden Berlinern erleben wir ein sehr andächtiges, ruhiges Auditorium. Anfangs ist das sehr verwirrend, man steht auf der Bühne und
fragt sich: Sind wir heute so schlecht, weil kaum einer klatscht? Es dauert eine Weile eh wir mitbekommen, dass die Leute einfach nur sehr aufmerksam lauschen und das ist fast noch besser als wilder Applaus. Nach dem Konzert werden wir sehr oft angesprochen, es ergeben sich gute Gespräche und in der Disco läuft nostalgische Musik... Erst in den frühen Morgenstunden verlassen wir Krefeld Richtung Gent bei einem guten Glas Wein im Bus... und etlichen Star-Trek-Folgen im DVD-Player.

5. März, Gent (Belgien), Kunstencentrum: Das Kunstzentrum ist ein herrliches altes Theater mit viel Gold und Stuck. In Deutschland dürften in sowas nie im Leben Szenekonzerte stattfinden. Leider haben In Strict Confidence, die mit uns das Festival bestreiten sollten, kurzfristig abgesagt. Aber auch so gibt es einiges Chaos hinter der Bühne, obwohl der rührige Veranstalter Alain sich sehr für alle Gruppen ins Zeug legt. Diorama sind viel zu spät angekommen und haben kaum Personal dabei, so dass sie ihre technischen Probleme nicht in den Griff bekommen und mit fast einer Stunde Verspätung auf die Bühne gehen. Der Verzug bringt uns in echte Probleme, denn viele von uns müssen am Montag pünktlich zurück sein und die Reise ist genau geplant, denn die Busfahrer dürfen nur eine bestimmte Zeit am Steuer sitzen. Diorama ziehen ihren Konzertblock durch und wir müssen daher den letzten Zugabenblock weglassen, was natürlich so aussieht, als hätten wir einfach keine Lust mehr gehabt - und ohne Möglichkeit, es zu erklären. Schade, denn das Konzert gelingt wundervoll und die rund 600 begeisterten Fans geben viel an die Bühne zurück, obwohl sie eigentlich kaum ein Wort verstehen dürften.

Ein wundervoller Abschluss der Mini-Tour, den wir so schnell nicht vergessen werden.

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