Konzertberichte : Herford, Kick, 01.03.2003

Konzertbericht von Marc Christiansen
Da haben sich die Erben für Ihre einzige Europa-Kurztour-Konzert-Trilogie diesen Jahres aber nicht gerade die günstigsten Tage ausgesucht, war es doch das von mir so gefürchtete "Rote Nasen & aufgesetzte gute Laune"-Wochenende, an dem die Menschenmassen teilweise lallend durch die Stadt ziehend zum "Humpa-Humpa-Humpa-Täterä" anstimmen.

Dabei dachte ich zunächst noch, daß der Kelch an mir vorüber gehen würde, da in meiner Heimatstadt Osnabrück während meiner Kindheit "Karneval" oder "Fasching" noch ein Fremdwort war. Da ich nun anläßlich des im benachbarten, ostwestfälischen Herford stattfindenden Erben-Events mal wieder in meiner Geburtsstadt verweilen durfte, konnte ich Zeuge davon werden, daß sich dies mittlerweile grundlegend geändert hat.

"Ossensamstag" nennt sich das Ereignis, um das sich Stadt und Land Osnabrück versammeln und mit mehr als 100 mehr oder weniger bunter Wagen durch die Innenstadt ziehen... teilweise hatte es dann schon etwas von einer kleinen Love Parade... zumindest der Musik nach zu urteilen... wenn sie denn wenigstens mehr Karamel-Bonbons geschmissen hätten, diese ollen, durchsichtigen, harten Karnevalsbonbons mag ich nämlich nicht ;-)))

Nach dieser etwas ungewöhnlichen Einstimmung (an der zumindest die Kinder immer wieder große Freude haben) und einen gemütlichen Nachmittag mit charmanter Begleitung im Eiscafe ging´s dann umgehend weiter nach Herford.

Das "Kick" ist wohl der einzige Laden, den ich kenne, der sich erdreistet, zwei Veranstaltungen an einem Abend über die Bühne zu bringen - und sich damit einen engen Zeitplan aufzwingt, den es einzuhalten gilt.

An diese Abend klappte es : Punkt 20.00 Uhr betraten Zeraphine, Nachfolgeband des Dreadful Shadows-Sängers Sven Friedrich, die Bühne, um ihr letztes Jahr erschienenes Album "Kalte Sonne" live zu präsentieren. Für mich als Fan klassisch-melodischen Gothic Rocks ein gelungener Auftakt des Abends. Musikalisch lehnt sich das Projekt stark an die ehemaligen Shadows an, die deutschen Texte (die ich im übrigen sehr gelungen finde) geben dem Ganzen aber doch eine eigene Note. Lediglich der Background-Gesang lag für meine Begriffe hier und da mal ein bißchen daneben, auch das Depeche-Cover "In Your Room" wäre nicht unbedingt nötig gewesen. Insgesamt wurde der Gesamteindruck dadurch jedoch nur unwesentlich getrübt.

Und der Zeitplan wurde auch danach fast akribisch genau eingehalten : Um 21 Uhr betraten Mindy, Susanne, Mathias, Coco, Michael und Markus die Bühne und eröffneten das "Wunschkonzert" mit dem Klassiker "Der Weg"; für mich immer noch eines der Stücke, die der Inbegriff für das Musiktheater von Goethes Erben sind.

Ganz in der Tradition einer "Mal Sandock´s Hitparade" (die Älteren unter Euch, die im Bereich des WDR wohnen/gewohnt haben, können sich vielleicht noch schwach daran erinnern) wurden uns die Top 12 der größten aller großen Erben-Hits dargeboten, über die im Vorfeld auf den Schwarzen Seiten abgestimmt werden konnte (Hallo Chris und Co., wo seid Ihr gewesen ?).

Etwas überrascht war ich über die Top 12 dann aber schon, bestand sie doch ausschließlich aus Stücken der Trilogie ("Der Weg", "Zinnsoldaten", "Das schwarze Wesen", "5 Jahre", "Iphigenie") und Tracks des aktuellen Albums "Nichts bleibt wie es war" ("Vermißter Traum", "Glasgarten", "Himmelgrau"). Wo waren z.B. solche Ohrwürmer wie "Gleiten" oder "Nacht der 1000 Worte" ? Auch mit dem ein oder anderen "Kondition:Macht!"-Stück hätte ich schon gerechnet (zumal gerade das Titelstück in seiner Neubearbeitung mit dem genialen Gitarrenprolog aufwartet !). Fehlanzeige !

Und was ich mich auch frage : Wie kam der Zugabenpart zustande ? - Waren das nun die Plätze 13-16 ? - Zumindest da hätte doch das ein oder andere "Schach..."- oder "Kondition:Macht!"-Stück dabei sein können.

Immerhin gab es mit "Denn nur lebend lohnt es" einen ersten (wenn auch kurzen) Ausblick auf das kommende Musiktheaterstück, das Ostern 2004 seine Premiere feiern wird. Vom Stil her weckte es starke Assoziationen zu "Kondition:Macht!"... auf jeden Fall sehr eingängig - die Suche nach (und hoffentlich das Finden von) Lebensinhalten, das Überwinden von Ängsten und das Ausleben der eigenen Fantasie werden in ein wunderschönes Wortgeflecht verwoben - sozusagen "Lernen zu leben" als Leitmotiv. Ein Motto, das sich kopflastige Menschen wohl fortlaufend immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen müssen...

Nichtsdestotrotz höre ich natürlich auch die Trilogie-Stücke immer wieder gerne, insbesondere natürlich meine Lieblinge "Der Weg", "Die letzte Nacht" und "5 Jahre", auch wenn sie mich immer wieder sehr melancholisch stimmen.

Schade nur, daß diese Konzertreihe gleichzeitig der Ausstand für Papa Coco war, der nicht nur durch sein Bass-Spiel das Bandgefüge bereicherte. Seinen Nachfolger Michael Wollersheim konnte man allerdings auch schon kennenlernen, der am Wochenende in Vetretung von Carsten Klatte an den Gitarren mitwirkte (und in Zukunft eigentlich auch die Position des zweiten Kabelwesens übernehmen müßte).

Daß meine Wünsche nicht in Erfüllung gehen würden, war mir eigentlich schon im Vorfeld klar, denn als "Erben-Opa" habe ich die meisten "bekannten" Stücke nun schon so oft live gehört, daß ich mich für ein paar Exoten entschieden habe; u.a. das in den letzten Jahren schon so oft gewünschte "Flüstern", das in dieser Bandbesetzung noch nie dargeboten wurde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden... doch zunächst wird uns Oswald wohl irgendwann erstmal mit einer Livedarbietung zu "Barschel" überraschen... tja, liebe Erben, hier wäre dann mal das schauspielerische bzw. pantomimische Talent gefragt ;-) Wir freuen uns schon auf eine möglichst fantasiereiche visuelle Umsetzung ! :-)

Und dann vielleicht auch wieder mit etwas mehr Spielraum nach hinten - denn mal ehrlich : 90 Minuten Erben machen doch erst so richtig Lust auf mehr ! Aber im "Kick" heißt es eben um 22.30 Uhr : Zapfenstreich.

In jedem Fall wird es mal wieder Zeit für ein neues Programm und so werde ich geduldig auf die Bayreuth-Berliner´schen Ostereier des nächsten Jahres warten...

Bericht des Online-Magazins www.amboss.de
(siehe auch: www.amboss.de)

An einem Samstag ist es immer sehr sinnvoll, pünktlich die Innereien des Herforder Kicks zu erreichen, denn um Punkt 20 Uhr betraten die Mannen um Sänger Sven Friedrich die Bühne. Eine Mischung aus Dark Wave, romantischen Strukturen und straighten Gitarren begleiteten die pathetischen Texte.

Sänger Sven, der auch verantwortlich für die melancholischen Texte ist, stand fortan im Mittelpunkt. Das Konzert bestand bis auf das Depeche Mode Cover zum Schluß, aus Songs des aktuellen Debüt-Werks "Kalte Sonne", dessen Titel auch die Eröffnung des Konzertabends war. Melancholie und Härte paarten sich im weiteren Konzertverlauf zu einer Einheit.

Aufgrund der kurzen Zeitspanne hastete man ein wenig durch das Set. Aber spätestens bei romantischen Songs wie "Sterne sehen" oder "In der Tiefe" nahm man sich die Ruhe und bot eine solide, sehr gefühlvolle Darbietung. Das warme, dunkle Timbre Svens erging sich sogar in "Ohne Dich" in aggressive Stimmbandvariationen. Das ruhige "In Your Room", einziger englischer Titel und gleichzeitig einziges Cover, ließ vor allem die aufhorchen, welche diese Band vorher nicht kannten.

Nach einer recht kurzen Umbaupause (schließlich ist hier samstags bei Konzerten um 22.30 Uhr Schluß; übrigens eine Zeit, bei der am Dienstag gerade mal die Vorband ihren Set beendet; Rücksicht auf die arbeitende Bevölkerung wird im Kick nur am Wochenende genommen; ein Schelm der....), betrat dann das sechsköpfige Ensemble um Sänger und Entertainer Oswald Henke die Bühne.

Und Oswald hatte erneut seine Kiste dabei, aus der er während des Konzertes alle möglichen Utensilien entnahm. Der Beginn des Abends war das theatralisch, tiefdunkle "Der Weg", ein Song, der sich deutlich gegen die Todesstrafe richtet und aus der Sicht eines Gefangenen erzählt wird. Das Ganze war ein Wunschkonzert und die Titel wurden per Internetvoting bestimmt. Oswald gelang es trotz allem, einen geschickten Songaufbau zu gestalten, wobei zu Beginn vor allem die etwas älteren Songs interpretiert wurden. Beim folgenden "Zinnsoldat" holte Oswald eine alte Uniform aus der Kiste. Das von morbider Schönheit begleitete "Schwarze Wesen" wurde vom aggressiven "Die Brut" abgelöst. Die Gitarristen schlugen die Saiten ein wenig härter und auch Oswald lieferte eine Darbietung, deren Wut alles andere als gespielt war.

Danach wurde es mehrere Nuancen ruhiger und man gab einige neuere Stücke zum Besten. "Vermisster Traum" umhüllt von tiefer Melancholie, welche durch das Verwenden einer roten Puppe noch exzessiver wurde. Das ruhige "Glasgarten" sowie "Himmelgrau" und das düster verspielte "Abseits des Lichts". Direkt danach im weißen Kittel gab Oswald bei "5 Jahre" den perfekten Psychopathen ab. Wie ein Irrwisch rannte er über die Bühne und erklomm kurzzeitig die Boxen. Das böse "Iphegenie" wurde perfekt inszeniert, bevor es mit der deutschen Übersetzung ("Sitz der Gnade") eines Nick Cave Klassikers in die erste Pause ging.

Bei der ersten Zugabe gab es erstmals einen Ausblick in die Zukunft mit einem Song aus dem neuen Musiktheaterstück, welches im Frühjahr 2004 auf die Reise geht. Entlassen wurde man mit dem ruhigen, nachdenklichen "Mensch sein". Wie immer ein perfekter Auftritt zwischen Schauspiel, interessanten Texten, gefühlvollem Gesang. Erneut gelang es Oswald in Zwischenspielen Aufmerksamkeit zu wecken und gleichsam für witzige Kommunikation zu sorgen. (andreas)


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