Leiden für die Kunst - Ein Blick durch´s gläserne Schlüsselloch beim ´Schattendenken´-Dreh

Ein Reise- und Erlebnisbericht eines Beobachters in 2 Akten
(von Marc Christiansen)


Zeitraum des Geschehens:
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02.-03.10.2004

Ort des Geschehens:
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präparierte Scheune in dem unscheinbaren Örtchen (Häuseransammlung ?) D. der Gemeinde S., Kreis
Bayreuth, Oberfranken
Gemeindekennziffer: 472188
Teilgemeindekennziffer: 003
Gauß-Krüger-Koordinaten Rechtswert: 4478301
Gauß-Krüger-Koordinaten Hochwert: 5527325 

Die Akteure:
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O.H. "der König" ..................... 	Künstler, Regisseur & Initiator des Aufeinandertreffens

Serena "die Böse"..................... 	gnadenlose, aber dennoch wortgewandte Wächterin des
Geschehens,
					hält O.H. im Weißen Raum mit Jasmintee bei Laune

Conny, Antje, Melanie & Kevin ........ 	die Opfer, für die Kunst leidend, nebenbei zusätzlich
auch als
					Beobachter rekrutiert

Michael ..............................	der "Vollstrecker", liebevoll ´Barbier von Bayreuth´
					genannt

Johannes, Sabine, Ralf, Nicole &
Marc .................................	Beobachter oder (mit leicht spitzer Zunge gesprochen)
					Voyeure	des Dramas, "hinter Spiegelglas interniert", 
					Johannes wurde zudem zum "Kamerakind" gekürt

Jeffrey (alias Dr.Dark) & Jochen ..... 	die Kameramänner, die das Schauspiel der Nachwelt
					erhalten

Flaut ................................	Regieassistent, besser noch : Mädchen für alles

Gudrun ...............................	der ruhende Pol, stille Teilhaberin der Veranstaltung,
					gelegentlich als "Making Of"-Kamerafrau agierend

Ziel der Mission:
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erfolgreiches Abdrehen vereinzelter Szenen (6,7,17...) des 2005 auf DVD (oder Doppel-DVD) 
erscheinenden Musiktheaterstücks ´Schattendenken´ von und mit GOETHES ERBEN

1.Akt (02.10.2004)
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Man mag es kaum glauben, dass ein in den Medien so gepeinigtes Unternehmen wie die 
Deutsche Bahn AG auch einmal zuverlässig sein kann... naja, sagen wir... fast. Mit kaum 
erwähnenswerten 5 Minuten Verspätung erreichte meine Regionalbahn jedenfalls an besagtem 
Wochenende ihren Bestimmungsort - das Wagnerdomizil Bayreuth im ehemaligen Zonenrand... äh... 
naja, lassen wir das...

Dieses beschauliche kleine Städtchen im Fränkischen ist für mich schon längst zu einer
Pilgerstadt geworden. An diesen zwei Tagen im herbstlichen (Black) Oktober umso mehr, sollte ich
doch nicht nur Rezipient, Konsument bzw. Genießer bizarrer deutschen Lyrik- und Klangkunst,
sondern Teil dieser selbst werden.

Statist sein klingt im ersten Moment vielleicht nicht wirklich berauschend, Komparse noch viel
weniger... in diesem Fall aber ging es ja um keine gewöhnliche Rolle in einer x-beliebigen
Massenszene einer Kino- oder TV-Produktion. Im Grunde galt es der warhol´schen Behauptung
"Everyone will be famous for 15 minutes." Leben einzuhauchen.

Beobachter in einer Goethes Erben Produktion zu sein hat einfach eine andere Qualität als sich
für 300 Euro der Peinlichkeit einer der zahlreichen nachmittäglich ausgestrahlten Richter-Shows
der Marke "Richter Alexander Holt" oder Vireality-Verbrecherjagden ala "Niedrig & Kuhnt"
hinzugeben, bei denen man eben nicht genau weiß, ob sie wirklich nur virtuell sind oder nicht
doch auch versteckte Verblödungsviren verbreiten.

Irgendwo auf dem Weg zwischen dem durch seine Veste und nicht zuletzt die Region beherrschenden
Arbeitgebern (eine Versicherung mit drei Buchstaben und ein Autoteilehersteller mit deren fünf)
bekannten Coburg und dessen kulturellen Gegenpol Bayreuth mag es gewesen sein, dass mich mein
für heutige Verhältnisse profaner (aber dafür kostenloser) Klingelton ´Espionage´ aus einem
sanften, durch die etwas kurze Nacht zuvor provozierten Dösen aufschrecken ließ.

Ein mir bis dahin persönlich nicht bekannter Flaut ließ vermelden, daß ich nicht von ihm,
sondern von einem Sebastian am Bahnhof abgeholt werden würde. Er wäre in Schwarz gekleidet und
fahre einen schwarzen Fiesta ! - Na sowas, damit hätte ich ja nun am allerwenisgten gerechnet !
;-)

So fand man sich denn auch schnell auf dem durch Wolken und Nieselregen verhangenen
Bahnhofsvorplatz, um von dort aus zunächst ein Gewerbegebiet mit "Schlecker-Anbindung"
aufzusuchen. Am Set (so nennt der Mann vom Fach den Drehort) würden noch diverse Requisiten
benötigt; u.a. silberner Nagellack, Haarspray, Haarspangen sowie Q-Tipps (nun ja, die genaue
Einkaufsliste variierte im Laufe zweier Telefonate so 3-4mal, aber zumindest fehlte am Ende
nichts Wesentliches).

Der Eingang zu eben jenem Drogerie-Discounter war jedoch nicht ganz so leicht zu finden und so
waren wir leichten Anfeindungen durch eine Apothekerin ausgesetzt, dessen Laden wir mangels
besseren Wissens durchschritten haben. Aber die Dame sei beruhigt : Wir kommen bestimmt nicht so
schnell wieder !

Nun ging es raus auf´s Land... durch so manche Ortschaften, mit dessen Namen ein
Nicht-Ortskundiger bei ´Wetten dass...´ auftreten könnte - wäre er in der Lage, sie sich alle zu
merken.

Ziel war ein Bauernhof, das Anwesen der Familie S., gleichzeitig kreative Fabrik namens ´Etage
Music´, in der die legendären Erben-Frühwerke, aber auch die nicht minder erwähnenswerten Alben
des ´All-Star-Projektes´ Artwork geboren wurden.

In einer harmlosen Scheune haben fleißige Handwerker den "Weißen Raum" samt Bett, Tisch und
Stuhl, bekannt von der letzten GOETHES ERBEN Tournee im April, wieder aufleben lassen. Nebenbei
war hier ein zusätzlicher ´Gimmick´ installiert worden (Yps-Leser wissen bescheid ;-), den der
geneigte Leser im nächsten Jahr auf entsprechendem Bildträger hoffentlich selbst "bewundern"
kann...

Daneben beherbergte die Scheune natürlich auch all das technische Equipment, das nötig ist, um
das O.H.´sche Drehbuch auf 25 Bilder pro Sekunde zu pressen : diverse DV-Kameras mit
Spezialobjektiven, ein Kamerakran Typ "Move Schlawiner", Lampen in allen Größen und
Helligkeitsstufen, Stative, Mikrofone, Kabels usw. usf.

Kaum am Set eingetroffen, ging´s auch gleich weiter in Richtung Pension, die in einem Nachbarort
lag... ein Bauernhof... so richtig mit Kühen und Melkmaschine...

Dort warteten bereits die Opfer und weiteren Beobachter "auf Abruf" : Antje (Opfer in Magdeburg)
und Melanie (Opfer in Berlin) hielten sich für ihren Studio-Auftritt innerhalb des Stückes
bereit, ebenso wie meine anderen Mitkomparsen Kevin, Sabine und dessen Hund (der allerdings
keine Schauspiel-Berühmtheit werden sollte).

Zunächst hieß es, die ehemaligen Opfer würden jeweils einzeln zum Set "abgeordnet", doch kaum
hatte ich mein Zimmer im zweiten Stock der Pension bezogen, wurden wir bereits komplett wieder
zum Drehort gefahren (den man eventuell auch in einem strammen Fußmarsch innerhalb einer halben
Stunde hätte erreichen können).

Welch nicht besonders ehrenvollen Job sich Flaut bei dieser Filmaktion eingeheimst hatte, wurde
spätestens klar, als er begann, auf Anweisung den "Weißen Raum" auszufegen - mit einem kleinen
Handfeger Zentimeter für Zentimeter ! - So ganz nebenbei war er auch noch zuständig für die
Kameraklappe, als ´biologisches, in allen Stellungen biegsames Stativ´ zur Ausrichtug des
zeitweise notwendigen runden, alufarbenen Reflektorschirms und als Verwalter und Zusteller von
Kamera-Akkus, Videokassetten, Stativen, Lampen und Equipment aller Art.

Ähnlich stressig, aber dafür künstlerisch wertvoller waren die Aufgaben von Jeffrey und Jochen -
sie sollten im Laufe der zwei Tage (und sicher auch an diversen weiteren Drehtagen) für
sämtliche ´Fischaugen´ und ´Linsen´ (sprich: Camcorder) zuständig sein.

Und hierin lag (trotz der auf den ersten Blick minimalen Kulisse) eine besondere
Herausforderung, galt es doch Equipment und Filmcrew in dem beengten Raum so zu positionieren,
daß nie eines der Gerätschaften oder eines der Crewmitglieder selbst im Filmbild zu sehen war.
Zusätzlicher Schwierigkeitsgrad : Von den mitunter riesigen Schatten an den weißen Wänden
durften selbstverständlich ebenfalls nur die der Requisiten oder Schauspieler mit auf´s Band
gelangen; auch der Gimmick stellte diesbezüglich eine Hürde dar. Und schließlich galt es den mit
40 kg Gewicht beschwerten Kamerakran nur insoweit zu bewegen, daß er weder unter die isolierte
Decke stieß, noch zu weit in das Set hineinragte.

Unter diesen Voraussetzungen war es nur verständlich, daß Jeff darum bat, höchstpersönlich das
vielzitierte Wort der Regisseure aussprechen zu dürfen : "Uuuuund... Action !" - Doch er war nun
mal nicht der Regisseur und O.H. ließ keinen Zweifel daran, daß ihm die Aufgabe zufiel, den
Startschuß für den Beginn einer Szene zu geben. Und so blieb dem engagierten Kameramann
lediglich ein abgemildertes "Rollin' !", um zu signalisieren, daß die Kameras im "Record Mode"
waren.

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