Bremen, Schlachthof, 13.04.2001 (Seite 3)
Im Strudel von Intoleranz, Chaos,
Gewöhungsbedürftigkeit und Politik: eine
programmatische Reflektion aus jüngster und älterer
Erben - Vergangenheit
von Erik Laabs
Eine schneidende, keifende Stimme in die, noch
halbwegs gutgelaunte [erste Abstriche schon beim
Anblick saufender Cannibal Corpse Fans (obwohl ich
mich, in entsprechendem Ambiente selbst dazu zähle)]
Menge der Wartenden: "Alle einen Schritt zurück!"
Gleich noch so einer: "Einen Schritt zurück. Die Türen
gehen nicht auf!" Nummer drei und vier folgen auf dem
Fuß. Wer ist schuld? Halbe, halbe, würde ich sagen.
Vor zwei Jahren lief das wesentlich ruhiger. Ich gehe
rein, setze mich, biete meinen Discman für eine
Hörprobe von Eissturm an. Es füllt sich, aber zu
langsam und in unregelmäigen Schüben. Dann sind alle
Plätze belegt. Es füllt sich trotzdem weiter. Die
ersten gehen schon wieder das Bier ist alle, also
neu.
Die ersten Zusammenstöße. Auf den Platz neben
mich quetscht sich ein Pärchen, wo nicht mal die
zierliche Frau allein hingepasst hätte, geschweige
denn Ihre Mutation von Freund. Die beiden fangen an
sich eine Zigarrette an der nächsten anzustecken und
mir den Qualm synchron ins Gesicht zu blasen. Hinweis
darauf wurde mit Rippenstoß und drohender Faust
quittiert. Das heisst für mich also: jegliches
Konzert, was lauter oder entsprechendes ist, als
Kuschelrock, kann und wird nur noch im
Killernietenpanzer besucht.
Die beiden unterhalten
sich, was, bis auf zu vernachlässigende Pausen, das
Konzert über anhält. Der Konzertfilm wird von vielen
gar nicht wahrgenommen (oder verdrängt). Statt dessen
wird weiter Bier geholt. Dass auch die Zuschauer vor
der Bühne dicht an dicht sitzen, scheint nicht zu
interessieren. Man tritt denn halt drauf, auf Mäntel,
Hände, Füße, Rücken. Das geholte Bier erreicht den
Zielort auch nur noch knapp zur Hälfte, dafür freuen
sich Lederreinigungen in der nächsten Woche über mehr
Kundschaft.
Zu Anfang des Films sperrt die erste Tür
bei mir im Geist zu. Ich kann vermutlich von Glück
sagen, dass Erblast an mir vorbeigegangen ist, denn
politische Statements, nahezu jeglicher Art, haben bei
Erben einfach nichts zu suchen (wobei es
nachvollziehbar ist, das Die Brut eine brechtigte
Ausnahme darstellt).
Die beginnende Anwesenheit von Oswald, verhilft der
Ruhe auch nur äußerst widerwillig und zögerlich zu
ihrem verdienten Zepter. Die bierholenden Massen sind
ein zu mächtiger Gegner, um wenigstens unter Kontrolle
gehalten werden zu können.
Es ist beklagenswert, dass
die, oftmals unter dem Deckmantel der Toleranz
firmierende, Komerzialisierung der Szene nun leider
auch Goethes Erben erreicht hat und eine erschreckende
und unpassende Veränderung der Publikumsstrucktur mit
sich gebracht hat. Schuld? Gott sei dank nicht Hälfte,
Hälfte.
Dennoch ist eine Veränderung in der
Instrumenierung und dem Gebrauch der selben nicht zu
übersehen. Die künstlerischen Eigenheiten von Peter
sind nicht ganz mein Geschmack, deshalb sollen ihn
andere beurteilen. Hoch positiv anzurechnen ist
allerdings die gelungene Überraschung seiner
Mitwirkung. Ich bin mir sicher, der tosende Beifall
galt vorrangig der Überraschung und wäre bei einer
umgekehrten Konstellation mit Sicherheit genauso wenig
zu kurz gekommen.
Das neue Programm gefiel mir, bis auf o.g.
Ausrutscher, die in einigen wenigen (den anfänglichen)
Stücken zum Tragen kamen, ausgezeichnet. Inhaltlich
war es eine Begegnung zwischen geschlachteten Kindern,
grell erleutendem Neonlicht und farbenfrohen oder
schmächtigen Gefühlen, Machtgelüsten. Insgesamt eine
hochgradig gelungene Gratwanderungen zwischen den
unterschiedlich alten (alternden?) Vergangenheiten.
Ein sehr erbisches Konzept in einer exellenten
Aufführung, deren Ausführung den Zuschauer, bei
genügender Aufmerksamkeit, völlig in den Bann der
vermittelten Gefühle gezogen hat.
Der Zugaben, aus bekanntem Material, waren es
reichlich. Auch hier bedienten sich die Erben aller
Schaffensabschnitte. Da das Konzert erst um halb neun
losging, verließen die unberäderten Hamburger und
einige andere, einschließlich mir, den Austragungsort
um 23.00h fluchtartig, um den letzten Zug zu bekommen.
Nachdem in den nächsten Wochen die guten Eindrücke,
wie immer, über die schlechten triumphieren werden,
warte ich wahrscheinlich schon alsbald auf den
nächsten Bremengig, der laut Ansage schon für den
nächsten Karfreitag angesetzt ist. Wenn ich mal
abergläubisch tun soll: es kann ja nur besser weden,
da der nächste Termin nicht der 13. ist.
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