06.04.1996 Zeche Carl Essen


Goethes Erben dürften wohl die bekannteste Band der meiner Meinung nach etwas unglücklich bezeichneten Schublade "Neue Deutsche Todeskünstler" sein. So spielten sie dann auf ihrer diesjährigen Tour in einer sehr gut gefüllten Zeche Carl. Das sie mittlerweile auch weit über die Szene hinaus bekannt sind, bewies die Tatsache, daß längst nicht mehr nur extrem Schwarze ihre Konzerte besuchen. So traf man auch eine große Anzahl bunt gewandeter Leute an, denen man auf den ersten Blick sicher nicht ansah, daß sie die Band kennen und mögen.
Dank des Erfolges war es der Band um Oswald Henke dann auch möglich gleich eine ganze Reihe von Gastmusikern mit auf die Tour zu nehmen, so tummelten sich insgesamt sieben Personen auf der Bühne. U.a. gab es eine Violinistin und einen Kontrabaßspieler und somit dürfte nur noch das Wenigste direkt vom DAT gekommen sein.
Musikalisch führte uns Oswald wieder einmal in seine Gefühls- und Gedankenwelt, wagte aber auch ein Experiment, indem das reguläre Konzert hauptsächlich aus Songs der neuen CD "Schach ist nicht das Leben" bestand, die erst im nächsten Jahr veröffentlicht wird. Mit dieser neuen CD dürfte den Erben dann auch der ganz große Wurf gelingen, sind die Lieder doch wesentlich eingängiger und melodischer als die letzten Veröffentlichungen. Entsprechend gut kamen sie dann auch beim Publikum an, auch wenn sie vollkommen unbekannt waren.
Die Fans waren begeistert, wenn man mal von einer kleinen Gruppe in meiner direkten Nachbarschaft absieht, die wiederholt und nachhaltig "Alles Lüge" von Lacrimosa forderten. Es ist schon traurig, wenn man sich mit derartigen Dingen profilieren muß.
Das Faß zum überlaufen brachten aber erst die Zugaben, welche dann von den letzten Veröffentlichungen rekrutiert wurden. Über "Der Spiegel", "So Sei Es" und "Zinnsoldaten" ging es zu einer gelungenen Version von "Das Schwarze Wesen", dem genialen "5 Jahre" und als Abschluß "Absurd Teil II". Und hätte der Drummer wegen Kreislaufproblemen nicht das Handtuch geworfen, es hätte bestimmt noch eine siebte und achte Zugabe gegeben.
Für mich persönlich war es das bisher gelungenste "Goethes Erben"-Konzert, auch wenn es keine solch vertrauliche Atmosphäre mehr gab, wie noch vor 2 Jahren. Das ganze Konzert war aufgebaut, wie ein Musiktheater, man begleitete Oswald Henke auf verschiedenen Stationen des Lebens und mit dem letzten Song schloß sich der Kreis wieder. Das Ganze wurde äußerst professionell dargeboten, man merkt sofort, daß die Band schon einige Jahre im Geschäft ist.
So fällt das Warten auf die neue CD nur noch schwerer und all denen die kein Konzert dieser Tour gesehen haben sei versichert, ihr habt etwas verpaßt.

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