24.03.1994 Kreuz - Fulda

offizielles Begleitblatt zur Tour "Sterben, Träume, Leben" :

I.

Der Spiegel
Seelenmord
Kaltes Licht
Märchenprinzen
Zinnsoldaten
Der Kerker
Ich möchte nicht länger
Warten

II.

Ich liebe Schmerzen
Flüstern
Mit dem Wissen
Iphigenie
Schatten

III.

Abseits des Lichts
Die letzte Nacht
Ein Moment der Ruhe
Es ist Zeit
Das Spiegelbild
Keiner weint


I.

Ein Blick in den Spiegel öffnet die Dimension Zeit für eine Reise in die Vergangenheit. Tage und Nächte gehen einen umgekehrten Weg und münden in der Kindheit. Zum Kind verjüngt betrachtet der Mensch verloren geglaubte Ängste vor der Dunkelheit. Im Kinderzimmer erwachen erdachte Märchen zum Leben. Der Mensch wird selbst ein Teil der Phantasiewelt zu einem tragischen Helden. Während des Spieles mit Zinnsoldaten beginnt eine Zeitreise durch eine gewalttätige Welt zum Heranwachsenden. Enttäuscht von der brutalen Realität isoliert sich der junge Mensch von seiner Außenwelt, errichtet eine Mauer der Depression, die ihn schützen soll, aber auch gleichzeitig abkapselt, kein Gefühl passieren läßt. Gefangen in der Depression sieht der Heranwachsende eine scheinbare Erlösung im Selbstmord. In der Phantasie durchschneidet ein Spiegelsplitter die Schlagader und mit jedem erdachten Tropfen Blut altert der Mensch und stirbt schließlich zum Erwachsenen. Duch auch jetzt reißt das Schicksal tiefe Wunden in die Psyche. Das eigene Kind, die Zukunft ertrinkt und ein endloses Warten beginnt. Ein Warten, das langsam die Psyche zersetzt.

II.

Die erkrankte Psyche versucht den eigenen Körper durch exzessiven Masochismus und Autoaggression zu schädigen. Schmerzen bereiten Lust, doch sie zerstören gleichzeitig immer mehr von der ursprünglichen Persönlichkeit, die schließlich durch extreme Schmerzzustände gespalten wird. Die multiple Persönlichkeit treibt den Menschen dazu, seine Aggression gegen die Außenwelt zu richten. Aus der Autoaggression wird Aggression gegen alles und jeden. Für kurze Zeit gewinnt der negative Charakter die Kontrolle über den Körper und vernichtet Leben. Schließlich gelingt dem positiven Gegenpol eine Abspaltung der negativen Seite. Der negative Charakter offenbart sich als Schatten. Nach kurzer Gefangenschaft im schwarzweißen Reich gelingt dem Menschen die Flucht und mit dieser Flucht entkommt er auch dem selbsterrichteten Kerker Depression.

III.

Ein Austausch von Gefühlen wird wieder möglich, wenn auch nur im Traum. Die Sehnsucht nach Zuneigung läßt einen nur in der Phantasie existierenden Partner erwachsen, doch die eigenen Gefühle werden nicht erwidert und münden in einem sexuellen Monolog. Traum und Realität werden kaum noch unterschieden. Im Bewußtsein allein zu sein, faßt der Mensch einen endgültigen Entschluß. Er blickt ein letztes Mal in die Augen seines Spiegelbildes und springt durch den berstenden Spiegel in die Ungewißheit. Der Kreis schließt sich, während der Köroer aufschlägt. Es ist ein Abschied.


Konzertankündigung im "Kreuz & Quer Kultur" (Frühjahr 1994, Magazin des Kulturzentrums Fulda)


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