
29.09.-01.10.2000 Das Zentrum, Bayreuth
von Angelika
Fast ein Jahr hatte ich die Eintrittskarte für dieses Ereignis in meinem Schrank.
Elf Monate Vorfreude, drei Aufführungen nun sind sie Geschichte.
Vermutlich wird, wer diese Aufführung verpaßt hat, sie nie wieder zu sehen bekommen und ich bin besonders froh darüber, dass ich Zuschauer sein durfte in einem ganz besonderen Theaterstück mit so ungewöhnlichen Akteuren; Musikern, die im normalen Leben keine hauptberuflichen Musiker sind, Tänzerinnen, die nun diesen Abschnitt ihres gemeinsamen Weges mit GOETHES ERBEN beenden werden, weil sie ins Berufsleben eintreten, und vielen anderen Mitstreitern und Helfern hinter den Kulissen. Sie alle haben mitgearbeitet an einem Traum des Künstlers Oswald Henke.
Premiere des Stückes war am Freitag. Nach wochenlangen Proben und Vorbereitungen ist ein Resultat herausgekommen, das den Begriff "Musiktheater" wirklich
verdient. Die Rolle der sprechenden Frau wurde mit der Frontfrau von "Skeksis",
Juliane Ihl, besetzt, was sich als Glücksgriff erwies. Sie erfüllte diese Rolle mit
Leben und es ist erstaunlich, welche Ausdruckskraft Laienschauspieler besitzen
können. Vermutlich liegt es daran, dass sie im Besonderen mit Herzblut spielen
und sich dabei auch sehr persönlich engagieren.
Das Stück wurde im Vergleich
mit der Berliner Aufführung leicht verändert, die Handlung war etwas straffer
und Prolog war ein Video-Gig mit spielenden Kindern, der von der Leinwand
überging auf real existierende Menschen. Kostüme wurden neugestaltet und die
Kulissen mußten den Gegebenheiten des "Zentrums" angepasst werden. Es war
der Aufführung anzumerken, dass viel harte Arbeit in ihr steckte und auch, dass
es mit Oswald Henke einen kreativen Kopf gab, der für alle Aspekte wie Text, Regie, Kostüme und Bühnenbild hauptverantwortlich und federführend zeichnete, was für die Homogenität des Gesamtwerkes von großem Vorteil war. Besondere
Beachtung verdienen die sehenswerten Tanzchoreografien der drei Tänzerinnen
von Ombra Ballare (Ramona Patzak, Susi Maeder und Kathi Maeder).
Natürlich war auch die besondere musikalische Handschrift von Mindy Kumbalek nicht zu übersehen.
Das Zentrum wurde bestuhlt und war mit seinen 350 restlos in jeder Veranstaltung ausverkauften Plätzen ein sehr angenehmer und intimer Rahmen für dieses Theaterstück. Die Besucher begaben sich für zweieinhalb Stunden auf Zeitreise in eine unbekannte Zukunft, die aber in Teilbereichen längst Einzug in unser Leben gehalten hat. Sie waren gebannt auf Ihren Plätzen und folgten atemlos dem Geschehen auf der Bühne. Es war so still, dass man meinte, allein mit den Darstellern zu sein.
Wie eigentlich immer bei GOETHES ERBEN-Auftritten stand die Persönlichkeit
Oswald Henke im Zentrum der Aufmerksamkeit des Publikums, weil es ihm immer
wieder gelingt, die Menschen mit seinem Charisma zu fesseln und zu beeindrucken.
Er vermittelt Gefühle wie Zerrissenheit, Ängste und Selbstzweifel bis an den Rand
des Wahnsinns so überzeugend und zwingend, daß man sie körperlich fast selbst
spürt.
Im Vorfeld dieser Aufführung hatte ich alles gelesen, was in Musikzeitschriften
über die Berliner Aufführung veröffentlicht wurde, besitze die Doppel-CD, kenne
das dazugehörige Büchlein fast auswendig, hatte in verschiedenen Konzerten Teile
von "Kondition:Macht!" gehört - ich dachte, ich wüsste genau, was mich erwarten würde. Ich wurde eines Besseren belehrt: Ich wusste überhaupt nichts!
Es ist etwas völlig Anderes, dieses Stück im Ganzen zu sehen, es hat einen ganz neuen Eindruck
bei mir hinterlassen. Eigentlich ist es schwer zu beschreiben, was in einem vorgeht,
wenn man dieses Stück erlebt. Es wird vermutlich jeder seine eigenen Empfindungen
und Einstellungen dazu entwickeln. Man muss es selber gesehen haben. Ich jedenfalls habe mit jedem Akteur mitgefühlt und mitgelitten, mit den stummen Frauen
genauso wie mit dem Rebellen oder der sprechenden Frau.
Aber die Besucher, die dort waren, werden mir recht geben, dass dieses Stück etwas
Besonderes ist. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zum Musiktheater, auf dem sich
GOETHES ERBEN befinden, wie Oswald Henke es selber beim Fan-Meeting am
Samstag bezeichnete. Ich glaube, GOETHES ERBEN sind schon dort angekommen,
wo sie letztendlich einmal hinwollen und haben jetzt alle Möglichkeiten, sich in
diesem Metier künstlerisch zu entfalten und neue musikalische Entdeckungen zu
machen.
Es ist sehr schade, dass die Medien die enorme Entwicklung und Einmaligkeit
dieser Band nicht wahrnehmen wollen und ihre künstlerische Arbeit fast nur
von Szene-Anhängern und Insidern beachtet und geschätzt wird, obwohl die Inhalte gerade im "Kondition:Macht!"-Stück doch auch andere Menschen ansprechen
würden. Aber leider wird dieses Stück Kultur den Menschen nicht zugänglich gemacht.
Die Besucher, die das Glück hatten, "Kondition:Macht!" zu erleben, bedankten sich
mit Standing Ovations bei den Künstlern. Der jüngste anwesende Fan war gerade mal 9 Jahre alt.
Was muss man noch mehr dazu sagen!
von Marc Christiansen
8 Jahre verfolge ich die Erben nun schon live und dennoch konnte ich den
Tag der Premiere der Neuinszenierung von "Kondition:Macht!" wieder kaum
erwarten - schließlich hat dieses Musiktheaterstück sein ganz eigenes
Flair : eine Mischung aus Science Fiction, klassischem Drama sowie vielen
philosophischen und gesellschaftskritischen Bezügen.
Sicher, die Grundthematik ist nicht neu (Assoziationen zum Orwell´schen 1984, den Star
Trek´schen Borg, Pink Floyds´ The Wall und viele andere sind schnell
geknüpft), aber die Art und Weise wie Goethes Erben ihr Konzept umsetzen,
hat schon einen einmaligen Charakter.
So gab es für mich mal wieder kein Halten - der Erbenwahn brach erneut
aus : 3 Aufführungen = 3 Karten für einen "der enthusiastischsten Fans
der Erbengeschichte" !
Und so traf ich am späten Freitagnachmittag am Ort des Geschehens ein,
mitten in Bayreuths Freizeitviertel, umgeben von mehreren Sport- und
Spielplätzen und unweit der Oberfrankenhalle, die für ein Projekt wie
"Kondition:Macht!" aber wohl kaum das richtige Ambiente geboten hätte.
"Das Zentrum" hingegen bot genau die persönliche Atmosphäre, die bei den
Uraufführungen in Berlin noch etwas zu Wünschen übrig ließ, da dort doch
eine deutliche Kluft zwischen Publikum und Bühne klaffte (und das, obwohl
ich damals in der ersten Reihe saß). Im übrigen würde ich mir wünschen,
eine solche Location auch im mittelhessischen Raum zu haben, was vorerst
aber wohl ein Traum bleiben dürfte. Es ist schon ein etwas gediegenerer Ort
mit einem großen, über zwei Stockwerke verteilten Foyer, zusätzlichen
Ausstellungsräumen und einem zwar nicht besonders großen, aber dafür eigens
für diesen Zweck errichteten Konzertsaal.
Auf die Minute pünktlich senkte sich am Freitagabend zum ersten Akt das
Licht und ein weißer Vorhang diente als Projektionsfläche für einige kurze
Hinweise zur Zeitsafari, dargereicht in Form einiger auf einem
Computerdisplay eingetippten Sätzen.
Dann die erste Szene "Einsam Macht" (ich nenne sie desöfteren auch "Kinder
spielen mit den Artefakten der Macht"), in Berlin noch von Ombra Ballare
und Oswald selbst gespielt, nun in Form eines Kurzvideos, welches ebenfalls
per Videobeamer auf den
großen Vorhang projiziert wurde.
Es folgte eine neu in die Inszenierung aufgenommene Tanzszene der beiden
stummen Frauen, die zunächst Karten und dann Verstecken vor dem weißen
Licht spielten - oder war letzteres doch kein Spiel mehr ? - Begleitet
wurden sie von der Geigenspielerin auf einem kleinen (Kinder-)Xylophon.
Dann Oswalds Prolog zum Stück, diesmal ohne großes Trommelgewirbel
einrückend. Die Kostümierung bei dieser Szene hat mir in Berlin besser
gefallen, hier war sie doch sehr stark auf das Product Placement ausgerichtet.
Die Vorstellung der agierenden Rollen verlief annährend wie in Berlin, die
Rollen der Kabelwesen wurden diesmal jeodch von Cornelius Sturm und
Matthias Konrad, den seit geraumer Zeit engagierten
Erben-Gitarristen/Bassisten, übernommen. Schade dabei war, daß auch hier
die ursprünglichen Kostüme nicht übernommen werden konnten. Troy hatte doch
in Berlin noch so eine tolle Steckdose auf der Hose, wenn ich mich recht
entsinne ! - Dennoch spielten beide ihre Rollen sehr souverän und kühl
(cool ?) und besonders Cocos toupierte Frisur ließ mich ein wenig
schmunzeln - die Assimilation mittels Gitarren konnte also beginnen !
Dann das Debüt von Juliana Ihl (sorry, von Skeksis !) als Sprechende Frau.
Das fränkisch rollende R empfand ich als
besonders sympathisch. Es gab der Sprechenden Frau doch eine eigene Note.
Und perfektes Hochdeutsch bekommt man ja nun schon im klassischen
Theater geboten. Ich bin sonst auch kein Freund von breiten Dialekten, aber
solch kleine Spracheigenheiten geben dem Ganzen doch einen gewissen Charm
und wirken so gegen eine zu glatt geschliffene und damit sterile Aufführung.
Im übrigen kann ich mich der Meinung der meisten meiner Vorredner
anschließen, denn auch ich fand, daß July in der Rolle der Sprechenden Frau
besser mit Oswald und den Ballerinas harmonierte. Siegrid Beierkuhnlein mag
vielleicht die bessere klassische Theaterausbildung genossen und damit für
einen "echten Theatergänger" die Rolle kompetenter ausgefüllt haben, aber
insgesamt paßt Frau von Skeksis besser in das Stück. Womit ich aber nicht
sagen will, daß mir die "Berliner Sprechende Frau" nun gar nicht zugesagt
hätte. Viele Zuschauer hatten ja damals in Berlin grundsätzlich Probleme
mit der Besetzung der Sprechenden Frau, denen ich mich damals nicht
anschließen konnte.
Eine Sache hat sich im Vergleich zu Berlin nicht geändert : meine
Lieblings-Choreographien aus dem ersten Akt sind und bleiben die "Abwehr
des Weißen Lichts" (offiziell : "Irritiert" und "Entdeckung"). Es wird
während der Tanzdarbietung einfach sehr schön deutlich, wer die Oberhand im
Zweikampf (Dreikampf ?) behält bzw. schließlich gewinnt.
Nachdem der Rebell die Sprechende Frau mit seinen Spiegeln und der
Glitzerkugel mächtig beeindruckt hat (weitere Details bleiben wie immer dem
Zuschauer überlassen...), gönnt er sich erst einmal eine kleine Erfrischung
aus der Badewanne - eine weiteres kleines neues Detail im Vergleich zur
Uraufführung.
Es kommt zum "lebensschweren", aber denoch heiteren Tanz und der Enthüllung des wahren Gesichts des Rebellen. Um dies zu unterstreichen, gönnte sich
O.H. diesmal den Hieb mit einer Axt in einen Holzpflock. Ob Oswald früher
mal Holz gehackt hat ? - Wie dem auch sei : Am letzten Abend wollte er es
wissen und ließ nicht nur einige Holzsplitter vom Pflock spritzen, sondern
riss ihn förmlich entzwei, sodaß ich schon die Bühne in Gefahr sah.
Sie blieb jedoch noch einmal verschont (aber beim nächsten Mal, Oswald...).
Der weitere Verlauf des ersten Aktes verlief nahezu identisch zu K:M!
Version 1.
Auch der zweite Akt begann mit der "blauen Stunde", bevor das Morgenrot
erwacht und die Sprechende Frau den Rebellen anfleht, sein Dekret zu
leugnen, was dieser jedoch ablehnt. Jene Dialoge wichen von Aufführung zu
Aufführung teilweise vom "offiziellen" Text etwas ab, was der Handlung
aber nicht schadete.
Auch der getanzte Nebelschleier zu "Traue nicht einmal Deinen eigenen
Träumen" bleibt nach wie vor mein favorisierter Tanz des zweiten Aktes,
der ja bereits auch in Form eines Clips auf dem Video "Epochenspiel" existiert,
dort meiner Meinung nach jedoch nicht voll zur Geltung kommt.
Insgesamt wurde der zweite Akt an manchen Stellen deutlich gestrafft -
meiner Ansicht nach zurecht und an den richtigen Stellen. Lediglich das
Vogelgezwitscher im Anschluß an den Song "Nie mehr" hätte ich in kurzer
Form beibehalten. Zugegeben : In Berlin war er teilweise sehr lang
(möglicherweise auch, um die Umbaupause zu überbrücken, was diesmal
vielleicht etwas schneller abzuwickeln war).
Für diejenigen, die nicht in Berlin waren : Nach "Nie mehr" sinkt Oswald zu
Boden und bleibt dort für eine ganze Weile liegen, im Hintergrund ertönt
Vogelgezwitscher. Erst nach einer Weile setzt die verzweifelnde Frage ein,
wer das Zepter fangen möge. Ich fand, diese Szene hat Oswald in Berlin
etwas besser gespielt - angsterfüllter, den nahenden Identitätsverlust
spürend. Das fahlblau-weiße Licht wurde aber beibehalten, was ich als
sehr passend empfand - die Erinnerung ergraut !
Die Schlußszene "Kondition:Macht!" : Was liegt näher, als den schönen
großen Thron aus der zweiten Schach-Inszenierung auch in "Kondition:Macht!"
zu integrieren - so gesagt, so getan, denn nun hat das Weiße Licht gesiegt
und trägt stolz sein Zepter vom Throne herab, flankiert von den
mechanisierten Stummen Frauen und Kabelwesen und dem ebenfalls ins
Maschinenkollektiv assimilierten Rebellen, der nun in dem aus der 99er-Tour
bekannten "Kondition:Macht!-Stachelmantel" auftritt - auch da hätte ich mir
etwas mehr Kabeliges gewünscht. Immerhin blieben die Kabelkostüme der
Stummen Frauen und die Katzenaugen-Kontaktlinsen bestehen, wodurch sich
auch der Rebell als Teil der Maschine zu erkennen gab.
Positiv ist auch zu bemerken, daß Mindy nun endlich nicht mehr unsichtbar
im Hintergrund verweilte, sondern mehr ins Zentrum des Geschehens gerückt
ist. Sie flankierte die Szenerie zur Rechten, während der Schlagzeuger den
linken Bühnenflügel ausfüllte (und nebenbei den in körperlicher Hinsicht
wohl schwersten Job während der Aufführung übernahm).
Dem aufmerksamen Zuschauer gab sich Mindy dabei auch als Teil der Maschine zu erkennen :
Während die Sprechende Frau ("Das Leben ist schwer" vor sich hinsummend)
unerlaubterweise das gemeinsame Versteck verließ, wurde sie argwöhnisch aus
dem Gerätepark Frau Kumbaleks gemustert.
Am ersten Abend haperte es noch ein wenig mit dem Licht, doch bis zum
Sonntag wurde dieses immer besser. Dafür schlichen sich (neben dem
unerfreulichen Zwischenfall mit der Dornenkrone) am Sonntag einige andere
kleine Pannen ein, die aber nicht so gravierend waren, als daß man sie nun
im einzelnen erwähnen müßte. Denjenigen, die der Aufführung nur ein
einziges Mal beiwohnten, dürften sie wahrscheinlich gar nicht aufgefallen
sein. Und schließlich gehört auch das zu dem weiter oben bereits
angesprochenen Charm der Inszenierung.
Zurück