IM BANN EINES ATEMBERAUBENDEN DERWISCHS
Bericht der Leipziger Volkszeitung vom 03.03.2003, Redakteur Peter Matzke
Das Sterben ist ästhetisch bunt. Wer es ablehnt, solche Sätze an sich
heranzulassen, ist falsch an diesem Abend. Die meisten fürchten sich vor
solchen Gedanken. Wer Geist hat, rettet sich in Ironie; im Allgemeinen wird
das Themenfeld durch Verdrängung (nicht) bewältigt.
Goethes Erben zerren sie
erbarmungslos ans Licht, die Leichen in unser aller Keller. Und sie machen
sie schön zurecht. Mit einer Ästhetik, die bewusst Ästhetizismus ist, einer
Kunst, die gezielt ins Artifizielle getrieben wird: ein Artefakt.
"Der Tod
ist nur eine wahre Lüge." Doch nein, nicht der Tod ist das Thema von Oswald
Henke. Das wäre zu banal, das machen (fast) alle. Henkes Gegenstand ist
komplexer, verletzender, tragischer: Er singt vom Sterben in allen Facetten,
Dimensionen und Gansehäuten. Henke hat nie eine Bewegung auf den Geschmack
der Mehrheit hin gemacht. Die Minderheit, die - trotzdem oder gerade
deswegen - zu ihm gefunden hat, füllt immerhin die große Halle im Werk II.
Die Präsenz dieses Mannes ist schlicht atemberaubend. Ein ekstatischer
Derwisch, die Bühne pausenlos in all ihren Breiten und Tiefenmetern
durchmessend, und doch immer beherrscht. Henke ist bis ins Detail
konzentriert und durchgeistigt. Von einem betörenden Charisma, das ans
Dämonische grenzt: Gilbert Böcaud, Jean-Paul Sartre und Wolfgang
Krause-Zwieback streiten erregt über die Musik der Moderne.
Begonnen hat er vor einem Dutzend Jahren als Gothic-Chansonnier mit
virtuoser Klavierbegleitung. Inzwischen ist um ihn und Mindy Kumbalek herum
eine Band gewachsen; und sie haben auch keine Scheu, ein paar Minuten lang
schlichten Heavy Metal zu spielen. Nein, der Herr Geheimrat aus Weimar
müsste sich dieses Erben nicht schämen. Im Gegenteil: Als Henke nach dem
letzten Lied allein auf dem Podest steht, im langen weißen Gewand, das
Langhaar gelöst, der Blick müde am Boden und die Arme ausgebreitet - da hat
er nebenbei auch das Erbe des berühmten dünnen Hippies aus Nazareth
angetreten. "Das Sterben ist ästhetisch bunt..." - "...doch perlend bleibt das
Leben haften!"
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