10. - 13.04.1998 Urania - Berlin

Kondition:Macht! Nach drei mehr oder weniger erfolgreichen Countdown-Veranstaltungen war selbiger nun abgelaufen und es war endlich soweit, die langersehnte Premiere des Goethes Erben Musiktheaters "Kondition: Macht!" stand an.
Es war nicht nur ein Musiktheater, was wir erleben sollten, sondern ein Osterfest (davon habe ich aber nicht viel mitbekommen) bzw. ein Festival mit, von und um Goethes Erben. So konnte man im sogenannten Tagestreffpunkt schon ab 15 Uhr seine Karten bekommen, das Internetangebot von Goethes Erben, Artwork, Erblast und Still Silent betrachten oder einfach nur mit Leuten quatschen - dazu mußte man allerdings etwas trinken, sonst wurde man aus der Kneipe rausgeschmissen. Am Freitag war allerdings dort noch nicht viel los, aber man knüpfte erste Kontakte und alle waren gespannt, was einen nun erwartet. Teilweise wurde von der Generalprobe bzw. Presseaufführung erzählt, doch wollte ich das alles noch nicht wissen, da ich völlig unvorbereitet reingehen wollte. Gegen 19 Uhr war dann Einlaß in der Urania und als man den Schock von 2,50 DM je Gaderobenstück überwunden hatte, konnte man so langsam zum eigentlichen Einlaß gehen - nachdem man vorher die Taschenkontrolle absolviert hatte - und am Mailorderstand bzw. an der Bar noch sein Geld los werden. Neuerdings kann man sogar eine Goethes Erben Tasche bekommen - hoffentlich geht das nicht so weiter und es war nur eine Ausnahme, weil man sie auch als Requisite nutzte. Als man dann in der Saal durfte erhielt jeder Besucher/Zeitreisender noch einen Spiegel, den man sich an die Brust heften sollte und die Reisebedingungen ausgehändigt, welche man sich noch schnell durchlesen konnte, bevor es auch gleich losging.
Der erste Akt beginnt damit, daß der Rebell, zwei Stumme Frauen und die Geigenspielerin ein Spiel namens "König sein für eine Nacht" zelebrieren. Dieses Spiel wird von Sirenen und Weißen Lichtstrahlen unterbrochen, welche auch durch den Zuschauerraum schweifen und auf die Spiegel treffen. Der Vorhang schließt sich und der Rebell (Oswald) vollkommen in silberner Kleidung hält einen Monolog in dem er die Zukunft seiner Vorfahren unserer Kindeskinder vorstellt. Alles wird von der Maschine (Mindy - hinter den Zuschauern - und Markus/Schlagzeug - in 3 Metern Hoehe auf dem Versteck) überwacht, welche mit ihrem Weißen Licht ständig alles absucht und ihre Regeln durch die Kabelwesen (Troy/Gitarre und Christoph/Bass) ihre sog. Arme und Beine durchsetzt. Die wichtigste Regel in dieser Welt ist Zweisamkeit. Es dürften sich nie mehr als zwei Menschen auf einem Ort aufhalten, sonst werden sie zum Teil der Maschine, zum Kabelwesen. Diese Welt wird anschließend in Musik und Tanz noch genauer beschrieben.
In dieser Welt irrt einsam ein Frau umher, sie findet überall nur Leute, die schon in einer Beziehung leben und fühlt sich allein, erschöpft und ausgestossen als sie auf die 2. Stumme Frau trifft. Diese nimmt sie mit in das Versteck der Gemeinschaft (Rebell + Stumme Frauen). Diese Dreierbeziehung wird nicht entdeckt, weil sie ihr Versteck mit Spiegeln versehen haben und so das Weiße Licht abgelenkt wird. Die Frau weckt Interesse beim Rebell, da sie sprechen kann. Der Rebell verführt sie und sie wird in die Gemeinschaft der Abtrünnigen aufgenommen, doch keimt dort Eifersucht zwischen einer der Stummen und der neuen Frau. Es löst sich nicht alles in Wohlgefallen auf, wie es erst scheint, denn die Frau entdeckt, daß die beiden Stummen Frauen dem Rebellen hörig sind und er das Gesetz der Maschine durch seins ersetzt. Daraufhin beschließt sie die Gruppe zu verraten in dem sie die Spiegel zerstören will. Dafür möchte sie von der Maschine das Leben des Rebellen, wenn er verspricht in Zweisamkeit zu leben. Mit der Zerstörung der Spiegel und der darauffolgenden Entdeckung der Abtrünnigen durch das Weiße Licht endet der erste Akt.
In der 20minütigen Pause sind viele überrascht und so will man erst mal das Ende abwarten eh man sich dazu äußert.
Der zweite Akt beginnt mit einer Endzeitstimmungsmelodie durch die Geigenspielerin und als sich der Vorhang öffnet tut sich eine grell erleuchtete, sehr sehr nebelige Bühne auf - die Halle des Weißen Lichts. In dieser Halle, in welcher die Menschen zu Kabelwesen umfunktioniert werden, befinden sich die beiden Stummen Frauen und der Rebell, welche an je einem Andreaskreuz gefesselt sind. Dort hat die Frau eine Nacht lang, bis zum Morgengrauen, Zeit den Rebell von ihrem Vorschlag, dem Leben in Zweisamkeit, zu überzeugen. Der Rebell sieht aber das Schicksal der beiden Stummen Frauen, die seinem Dekret folgten und will nicht ständig vom Weißen Licht beobachtet werden, deshalb entscheidet er sich gegen diese Zweisamkeit. Die Maschine funktioniert die beiden Stummen Frauen um, aber auch das Flehen der Frau als sie die Grausamkeit erkennt, ändert nichts an der Entscheidung des Rebellen. Die Frau versinkt in Verzweiflung und der Rebell kann seine letzte Nacht als freilebender Mensch auskosten. Er bekommt von ihr das Zepter der Macht, aber nicht die Krone der Gnade. Er durchlebt in den letzten Stunden als Persönlichkeit Stationen seines Lebens als Erinnerungen in Wachträumen - an das Spiel "König sein für eine Nacht" und an das was war und hätte sein können. Im Morgengrauen fügt er sich trotz Angst seinem Schicksal. Im letzten Aufzug ist der Rebell nun auch ein Kabelwesen, er hat die "Kondition: Macht!" erreicht und will mit diesem Ausblick in die Zukunft davor warnen, daß wir nicht untätig bleiben, sondern handeln, bevor es Maschinen tun. Oder anders ausgedrückt:
Ist Macht böse?
Ist das Böse Macht?
Ist Macht Glaube?
Ist Glaube Macht?
Ist Macht Wissen?
Ist Wissen Macht?
Ist Macht Alles?
Ist Alles Macht?
Diese ohne Frage aufwendigste Goethes Erben Produktion erhielt täglich Standing Ovations. Jeder der Beteiligten hatte vor allem diesmal einen nicht unerheblich Anteil am Gelingen dieses Stückes. Die Lichttechniker für die bombastische Lichtshow; die Tontechniker, die wie alle anderen wohl auch den Atem angehalten haben als Oswald am Freitag bei der Premiere fast das Mikrofon zerstörte; natürlich auch die Musiker, ob nun Keyboard, Schlagzeug, Geige, Bass oder Gitarre; die Tänzerinnen, die eine perfekte Leistung darlegten; die Verantwortliche für die Kostüme und nicht zu vergessen die Schauspielerin und Oswald persönlich.
Es stellt sich nur die Frage, wie das Musiktheater "Kondition: Macht!", die Symbiose aus Pantomime, Tanz, Musik und Dialog eingebettet in eine abgeschlossene Handlung - gebührend veröffentlicht werden kann, so richtig wirken würde es wohl nur als Video und so bleibt zu hoffen, daß dies nicht die einzigen Aufführungen waren und noch einmal sich der Vorhang öffnen wird, denn wie soll man Gebärdensprache - die außer bei der Premiere immer durch ein Dia übersetzt wurde - oder Tanz auf eine CD pressen?
Zwischen den einzelnen Vorstellungen gab es kaum Unterschiede, die größten Unterschiede bestanden im Gelingen der Inszenierung. So wirkte es doch ein wenig störend, daß das Mikro am Freitag am Ende nicht mehr richtig hielt oder am Samstag Oswalds Stimme ein leicht wenig kaputt war. Die perfekteste Aufführung dürften wohl die Montagsbesucher gesehen haben bzw. alle anderen verpaßt haben.
Aber das war längst noch nicht alles. Die vier Tage in Berlin waren zumindest für diejenigen, die die ganze Zeit da waren, eine Art Festival. So fand am Samstag noch das Fanclubtreffen statt, was diesmal etwas besser lief als voriges Jahr, obwohl die geplanten Aktionen aus organisatorischen Gründen wieder nicht stattfinden konnten. Zumindest kam etwas mehr Gespräch zwischen den Leuten zustande.
Einfach genial war daneben noch die Ausstellung von ESTA, welcher für einige Requisiten und vor allem Bilder verantwortlich ist. So konnte man in familiärer Atmosphäre das Original des Pferdes (von Schach) und auch sonst einige Originale aus Erben bzw. Erblast Covern bewundern. Außerdem gewährte er auch Einblick in sein sonstiges Schaffen - Bilder und Fotos, genauso genial wie Goethes Erben auch.
Kurz gesagt, es waren vier fast perfekte Tage, sieht man von der Auswahl des Tagestreffpunkts und der Disco für die After-Partys und die teilweise hohen Preise einmal ab.
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