14.09.1997 Adrenalin - Schongau/Obb.
von Adam Kuffer
Normalerweise sollte man Sonntag abends etwas früher zu Bett gehen, um am
nächsten frühen Morgen einigermaßen ausgeschlafen wieder der Arbeit
bzw. Schule frönen zu können. Aber angesichts des just an diesem Abend
stattfindenden Stelldicheins der theatralischen Darkwave-Formation *Goethes Erben*,
konnte man sich diesen mehr oder minder guten Vorsatz sowieso an den Hut stecken.
Obendrein haftete an diesem Auftritt schon von vornherein der Kult-Stempel, war
Schongau schließlich die Stadt, in der Goethes Erben zum allerersten mal seit
ihrer Existenz live zu bewundern waren.
Für 21 Uhr angekündigt, betraten um ca 21:30 Uhr Goethes Erben mit ihren
Musikern die Bühne in der mittlerweile mit ca. 250 Leuten gut halb bis
dreiviertel gefüllten Diskothek "Adrenalin", empfangen von einem vielschichtigen
Publikum, angefangen von den szenetypischen Darkwavern in voller Montur, über
langmattige Rocker bis hin zu den zivil gekleideten Menschen draußen in der
großen Welt und gespickt mit einem breitem Altersspektrum von schätzungsweise
14 bis 50 Jahren.
Oswald Henke zeigte sich in seiner bekannten luftig-weissen Bühnenkluft und wie
immer Barfuss, Mindy Kumbalek an den Tasten, Troy an der Gitarre und natürlich
die Livemusiker, soweit ich sehen konnte, dieselben wie auf der letzten Tour, welche
das Duo kräftig unterstützen.
Schon bei den Openern "kaltes Licht" und "das schwarze Wesen", sowie den relativ
kleinen Ausmaßen der Bühne konnte man bemerken, daß es sich bei
diesem Auftritt nicht um eine Inszenierung von "Schach ist nicht das Leben" handeln
würde. Vielmehr würde eine Art Best-Of Konzert, die quer durch alle
Epochen der Erben führen sollte, stattfinden.
Als der letzte Ton verhallte, begrüßte Oswald die Zuschauer und bat
erst einmal "die ersten 1,2,3,4,5,6,7-8 Reihen -- bitte setzen!" "Nun könnt
ihr mir nicht mehr so leicht entkommen!!", mit einem leicht zynischem Unterton
gekoppelt, welcher manchen schlimmeres vermuten ließe. Angesichts der nur etwa 50
cm hohen Bühne war dies wirklich ein super Einfall. Jetzt konnte fast jeder die
Bühne gänzlich im Blickfeld halten.
Für viele Stücke hatte der Frontmann kleine Schmankerl parat, z.B für
"Märchenprinzen" die Pappkrone und die Uniform bei "Zinnsoldat" oder das
Wackelpudding-Ess-Fest bei "Begrüssende Worte", wo man sich oft ein Lachen
über die überraschten Fans nicht verkneifen konnte (wasndas? der kommt
ja auf mich zu!? Was hat DER vor?! Ahhhhhrgh [Wackelpudding runterschluck]).
Mit der Zeit wurde Oswald zunehmend mutiger und ließ es sich oft nicht nehmen, Ausflüge
ins im ganzen Raum verstreute Publikum zu machen und seine Texte dort mit derselben
tänzerischen Intensität wie auf der Bühne vorzutragen, wie etwa
bei "Begrüssende Worte" und "5 Jahre". Unter seinen teilweisen exzentrischen
Tanzmanövern (Kategorie >sterbender Schwan<) hatten neben manchen Fans, welche
willkürlich mal eben kurzerhand für ein paar Sekunden als Statisten für
seine Darbietungen herhalten durften bzw. mußten, auch sein weißes
Sultanbeinkleid zu leiden. Dieses machte wohl bei einer bestimmten Bewegung nicht mehr
ganz mit und platzte daraufhin einfach im Schritt auf. Der Rest der Truppe
war in *dieser* Hinsicht etwas schlauer und blieb artig auf der Bühne zurück
und agierte im Gegensatz zu Henke recht unauffällig. Er hingegen bestritt
nach "Begrüssende Worte" den Rest des Abends zum entzücken der weiblichen
Fans mit freiem Oberkörper, das weiße Hemd um die Hüften
geknotet (vielleicht um das Loch in der Hose provisorisch zu kaschieren? hehehehe).
Es folgten darauf hin noch "Absurd", welches etwas "humaner" klang als auf CD, gefolgt
von "keine Farben" und zuletzt die "Nacht der tausend Worte", bevor Goethes Erben die
Bühne verließen, was aber nicht von langer Dauer war, dank der Beifallsorgien
und Zugaberufen der Fans. Wie gesagt, betrat die Formation nicht viel später
wieder die Bühne um die Zugabe "mit dem Wissen" zu spielen. Bevor aber die ersten
Takte angespielt wurden, verarztete Oswald seine gerissene Hose mit ein paar Streifen
Klebeband, was von schadenfreudigem Gekichere seitens der Fans untermalt wurde.
Bei diesem Stück kamen dann auch endlich die mitten im Raum auf einem Podest
stehenden extravaganten Percussion-"Instrumente", konkret eine Wäschetrommel mit
Ständer und aehhja -, sagen wir mal eine Art stärkeres Blech mit gestanzten
Löchern zum Einsatz, an denen sich Mindy Kumbalek und ein Crewmitglied? im Takt
austobten. Nach dieser lautstarken Zugabe, die keinen minder lautstarken Beifall
zurückerhielt, wurden noch von Herrn Henke die Musiker im einzelnen vorgestellt, die
bei denen sich das Publikum ebenfalls mit lautstarken Applaus bedankte, bevor
er die Veranstaltung mit den Worten "Dankeschön und Aufwiedersehen!
-- Irgenwann -- Irgendwo!" beendete.
Der Akustik kam in der mittelkleinen (Provinz)-Disko subjektiv ziemlich gut
rüber, das Mikrophon anfangs etwas leiser getrimmt, später aber im
guten Verhältnis zur Musik gemischt. Auch die Lautstärke war angenehm
(naja für meine Ohren :D ) zum hören, nicht zu leise und auch nicht zu
laut.
Alles in allem lief dieses insgesamt 103. Konzert von Goethes Erben in einem
relaxten, ja fast geselligen Zustand über die Bühne. Die allgemeine Stimmung
ist gerade bei solchen Auftritten recht schwer zu beschreiben. Fest steht, das es wohl
allen ziemlich gefallen haben müsste, auch für nicht-Fans! Denn hier kam
bestimmt jeder auf seine Kosten, woran letztendlich auch Oswalds vereinzelten
Wortwitze beitrugen, mit denen er ein paar unvorhergesehene Situationen sehr
selbstbewußt zu meistern vermochte. Fallbeispiel: "Eine kleine Durchsage in
eigener Sache an unseren /nebelwütigen/ [Oswaldmaessig betont] Lichttechniker: Die
Keyboarderin findet ihre Tasten nicht mehr. Sie bittet um weniger Nebel!" (nach
"Seelenmord", als die Bühne in Nebelschwaden untergehen zu drohte).
Abschliessend zu diesem Konzertbericht finde ich, daß ein Goethes Erben
Live-Auftritt meist selten etwas mit der depressiven (Grund-) Stimmung der (älteren)
Alben/bzw. deren Stücke gemeinsam hat.
Für die interessierten noch die Playlist in der Reihenfolge, in der sie
aufgeführt wurden:
- kaltes Licht
- das schwarze Wesen
- Gleiten
- Märchenprinzen
- Zinnsoldat
- unbekannter Soldat
- Seelenmord
- Schatten
- 5 Jahre
- Begrüssende Worte
- Absurd
- Keine Farben
- Nacht der tausend Worte
------Zugabe
- mit dem Wissen
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