Zittau, "Augen auf"-Festival, 19.05.2001
von Angelika
Hallo ihr Erben-Fans,
wo wart ihr denn in Zittau? Ich habe nur eine Handvoll bekannte Gesicher
gesehen. Eigentlich wurde mir von einigen Leuten gesagt: "Was willst du
denn in Zittau? Dort ist doch eine Glatzenhochburg." Aber sollte ich meine
Lieblingsband dort alleine hinfahren lassen? Außerdem sollte man sich vor
solchen Pauschalisierungen hüten. Man verpasst den Leuten dort sehr schnell
ein "Sebnitzimage". Meist sind es wenige, die den Ruf Vieler ruinieren.
Oder lag es daran, dass es zu wenig bekannt gemacht wurde? Immerhin stand
fast nur etwas in der Regionalpresse. Jedenfalls finde ich es mutig und
richtig von GOETHES ERBEN, sich dort eindeutig zu positionieren, allen Leuten
zum Trotz, die meinen, die ERBEN sollten doch bitte schön nicht politisch
werden. Eigentlich müsste doch Jedem klar sein, dass man sich aus dem Leben
nicht ´raushalten kann. Wer nicht für bestimmte Dinge ist, der muss doch
zwangsläufig dagegen sein, und das ist meiner Meinung nach schon politisch.
Ob man zu seiner Meinung auch öffentlich steht, das ist eine Sache des
Charakters. Jedenfalls haben die Zittauer und die Leute aus der Umgebung
mit ihrem Kommen Charakter gezeigt.
Das Festival "Augen auf! - Zivilcourage zeigen" wurde offensichtlich von
sehr engagierten Leuten vorbereitet und von den heimischen Jugendlichen sehr gut
aufgenomen, ist doch in Zittau meist "tote Hose", wie mir einige Leute sagten.
Es spielten Gruppen der verschiedensten Musikrichtungen sowie auch internationale Bands. Das Ganze hatte einen angenehmen, gemütlichen Straßenfest-
Charakter und war auch gut organisiert. Diskret in den Seitenstraßen des
Marktes geparkte Polizeiautos vermittelten eine gewisse Sicherheit. Offensichtlich war man auf alles vorbereitet. Auch rief die Moderatorin immer
wieder zu Toleranz und Besonnenheit auf sowie sich nicht provozieren zu
lassen. Wie mir schien, wäre dies gar nicht nötig gewesen, waren die Leute
doch friedlich und aufgeschlossen.
Als letzte Gruppe des Abends traten dann GOETHES ERBEN auf. Ich dachte nur:
Ob wirklich so viele Erben-Fans gekommen sind? Aber die Jubelrufe des
Publikums bei jedem Beginn eines neuen Stückes zeigten mir ganz deutlich,
dass man diese Gruppe in der östlichsten Ecke Deutschlands durchaus kennt.
Als "Die Brut" angesagt wurde, ging ein Aufschrei über den nächtlichen Marktplatz von Zittau, der mir schon einen Schauer über den Rücken jagte.
Oswald Henke präsentierte sich gewohnt agil und zeigte höchsten Einsatz bis
fast zur Extase.
Bei "Die Form" war wieder der Zeitpunkt, an dem die Kerzen ausgeteilt wurden.
Das ist der Augenblick, wo auch etwas mit dem Publikum geschieht. Wenn man
dem Konzertnachbarn seine brennende Kerze weiterreicht, sieht man ihm zwangsläufig in die Augen und lächelt ihn an. Man fühlt sich in diesem Moment mit
den anderen Menschen sehr verbunden, was für das Thema des Konzertanlasses
"Toleranz" wohl besonders passend erscheint.
Diejenigen, die erschrocken die brennende Kerze ablehnten, sie wollten doch
nicht in Flammen aufgehen, haben sich unwissentlich um dieses Gefühl gebracht.
Meine Kerze war am Ende nur noch ein kleiner Stummel. So weit hatte ich sie
noch nie herunterbrennen lassen.
Die neuen Stücke der "Nichts bleibt wie es war" - Tour waren offensichtlich
noch nicht so bekannt. Ich hoffe, auch dafür haben sich viele Liebhaber
gefunden. Mit persönlich gefällt die neue Stilrichtung der ERBEN sehr gut und
ich finde es auch richtig, wenn sich eine Band weiterentwickelt und nicht
ewig am alten Zopf hängt, auch wenn das bestimmt nicht alle von Euch hören
wollen.
Pünktlich gegen Mitternacht, offensichtlich gab es eine Polizeistunde,
verabschiedeten sich GOETHES ERBEN mit "Das Ende" und ließen es auf dem Marktplatz
noch einmal so richtig krachen. Ich hoffe, das Stück hat die Anwohner nicht
verstört. Das Publikum dankte es mit reichlich Beifall. Ich glaube, dass es
auch ein Gewinn für die Erben war, die Menschen in dieser Ecke Deutschlands
kennenzulernen und hoffe, sie kommen bald mal wieder.
[Zurück]