[Konzertbericht von Oswald Henke] [Fotoalbum einer Fernreise]
Aus dem "Nordbayerischen Kurier", 12.09.2000 :
Frenetischer Jubel aztekischer Fledermäuse
20000 Kilometer Flug für 60 Minuten Auftritt: Die Band Goethes Erben und ihr spektakulärer Gig in Mexiko-City
(Von Eric Waha)
Die Situation muß mehr als spannend gewesen sein: Eine Band mit ihren Wurzeln in Bayreuth sitzt nach 20000 Flugkilometern am Flughafen von Mexico-City und wartet auf einen Konzertveranstalter, von dem sie nur den Vornamen kennt. Der Veranstalter selbst wartet am anderen Ende des Flughafens auf die deutsche Band, die er nach Mexiko geholt hat. Fast wie das Märchen der beiden Königskinder, nur mit versöhnlichem Ende: Band und Veranstalter fanden doch noch zueinander...
"Viva Mexico!" - mit einem herzhaften "chhhh" in der MItte von Mexico - so begrüßt Oswald Henke, Frontmann der Band Goethes Erben, gut 3000 Fans in Mexico-City. Frenetischer Jubel aztekischer Fledermäuse der mexikanischen Gothic-Szene begleitete die deutschen Musiker durch den 60-minütigen Auftritt in der größten Stadt der Welt.
"Wie die Jungfrau zum Kinde", sagt Oswald Henke, "sind wir zu diesem Auftritt gekommen. Die Veranstalter haben über unsere Internet-Site Kontakt mit uns aufgenommen, und Carlos hat uns zu dem Festival in Mexiko eingeladen." Über die befreundete Band Catastrophe Ballet sicherten sich Goethes Erben ab, daß das Festival für europäische Bands kein gesteigertes Sicherheitsrisiko darstelle. "Wir hatten schließlich auch schon Angebote aus Russland, Lettland oder beispielsweise Portugal, wo wir auch nicht angetreten sind, weil die ganzen Angebote etwas dubios waren. Doch hier bekamen wir nach dem Gespräch grünes Licht - also nahmen wir das Angebot von Carlos an."
Spannend blieb die Tour nach Mexiko dennoch: "Zwei Tage vor dem Abflug hatten wir noch immer keine Tickets bekommen, und als dann noch der UPS-Wagen an unserem Haus vorbeifuhr, hab´ ich ihn verfolgt und im nächsten Ortförmlich gestellt - er teilte mir die erleichternde Nachricht mit, daß er die Sendung mit den Flugtickets beim Nachbarn abgegeben hatte", schmunzelt Henke heute.
Zusammen mit der norwegischen Band Tristania - "von denen wissen wir jetzt, daß sie unheimlich nette Kerle sind und mindestens 14 Flaschen Bier pro Person am Tag konsumieren" - flogen die Erben mit Lufthansa nach Mexiko. "Lufthansa war die einzige Bedingung, die wir an den Veranstalter Carlos stellten. Weil ich sowieso nicht allzu gerne fliege und schon gleich dreimal nicht mit einem Seelenverkäufer dorthin gondeln wollte", sagt Erben-Frontmann Henke.
"Es war schon ein bißchen komisch, als wir am Flughafen ankamen. Wir saßen da in der Halle, hatten keinen Ansprechpartner und warteten - Carlos wartete am anderen Ende des Flughafens, was wahrscheinlich so ungefähr der Entfernung Bayreuth - Bindlach entspricht", sagt Coco Sturm, Geschäftsführer des Zentrums in Bayreuth und als Bassist Mitglied der Live-Band Goethes Erben, scherzhaft. "Aber als er kam, kam er gleich in großer Besetzung, der Veranstalter. Mit Bodyguards und Dolmetscher, die uns die zwei Tage über begleiteten." Nur kurz - wegen des Jetlags, das wegen des Rückflugs ein doppeltes werden sollte - hatte die Band nach der Ankunft Zeit, sich auf den 60-minütigen Auftritt vor den rund 3000 Fans vorzubereiten. Ein Auftritt, bei dem sie neben vielen, vielen unbekannten Fans auch auf alte Bekannte aus Bayreuth treffen sollten - Das Ich, Band von Bruno Kramm und Stefan Ackermann. "Die kamen von einer Club-Tour aus den USA rübergejettet - von denen wußten die Veranstalter übrigens gar nicht, ob sie überhaupt kommen."
Der Gig selbst wird von henke als "wunderschöne Erfahrung" beschrieben. "Die Fans sind unglaublich mitgegangen, es war ein begeisterungsfähiges, gutes Publikum. Was uns allerdings gewundert hat, das waren die vielen Goethes-Erben-T-Shirts, die bestimmt nicht aus unserer Produktion stammen - das war halt Merchandise auf mexikanische Art." Der Erfolg sei so groß gewesen und die Leute so nett, "daß wir auf jeden Fall wieder hinfliegen werden". Trotz der umfangreichen Bewaffnung vieler Mexikaner - "Als wir in ein Restaurant gingen, kamen uns zwei Typen mit Pumpguns entgegen, die gerade die Tageseinnahmen abholten", berichtet Sturm - seien "das Land und die Leute unheimlich gastfreundlich".
Der nächste größere Auftritt der Band, die international deutlich bekannter ist als in Bayreuth und Oberfranken selber, ist aber für die Fans einfacher zu erreichen: Am 29., 30.September und 1.Oktober finden in Bayreuth im Zentrum die Erben-Festspiele mit der Aufführung des Musiktheaterstücks "Kondition:Macht!" statt. Am 2.Oktober schließt sich das Festival d´Etage - Sturm: "Eine Hommage an die kleine Künstlerkneipe Etage, die vor einigen Jahren schloß" - an die Erben-Festspiele an, die schon zum großen Teil ausverkauft sind.
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